Beim Arbeitsmarktservice (AMS) laufen derzeit umfangreiche Neuberechnungen. Hintergrund sind zu niedrig ausbezahlte Arbeitslosengelder, die nun nachgezahlt werden müssen. Insgesamt geht es um rund 135 Millionen Euro. Wie viele Menschen tatsächlich Geld zurückbekommen, ist allerdings noch offen.
AMS-Chef Johannes Kopf rechnet jedenfalls mit einer höheren Zahl als bisher angenommen. "Ich glaube, es werden noch mehr Betroffene sein", erklärte er am Montagabend in der ORF-"ZiB2".
Derzeit werden beim AMS sämtliche betroffenen Fälle einzeln überprüft. Schon jetzt geht Kopf von mehr als 100.000 Fällen aus. Wie viele unterschiedliche Personen dahinterstecken, lässt sich aber noch nicht genau sagen.
"Wir wissen die Fälle, (...) aber nicht, wie viele unterschiedliche Personen. Da sind etwa Saison-Arbeitslose, die etwa jedes Jahr arbeitslos waren", erklärt Kopf in der "Zeit im Bild 2".
Für Betroffene gibt es eine wichtige Nachricht: Sie müssen selbst nicht aktiv werden. "Die Rückzahlungen an die Betroffenen erfolgen automatisiert und ohne, dass ein Antrag gestellt werden muss", stellte Kopf klar.
Finanziert werden die Nachzahlungen aus Mitteln des Finanzministeriums. Das Arbeitslosengeld wird nämlich über ein Bundeskonto und nicht unmittelbar vom AMS ausbezahlt. Die geschätzten 135 Millionen Euro seien "die Größenordnung, mit der wir rechnen", so Kopf.
Neben den Nachzahlungen bereitet auch die Entwicklung am heimischen Arbeitsmarkt Sorgen. Im Oktober waren österreichweit 389.941 Menschen entweder arbeitslos gemeldet oder in einer AMS-Schulung. Gegenüber dem Vorjahresmonat entspricht das einem Anstieg um 1.823 Personen beziehungsweise 0,5 Prozent.
Damit ist die Arbeitslosigkeit bereits den 43. Monat hintereinander gestiegen. Besonders auffällig sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen.
Während die Zahl der arbeitslosen Männer um 2,6 Prozent zurückging, legte sie bei Frauen um 3,8 Prozent zu. Auch ältere Arbeitnehmer sind zunehmend betroffen: Bei den über 50-Jährigen gab es ein Plus von 4,4 Prozent.
Bei Menschen unter 50 Jahren sank die Arbeitslosigkeit hingegen um 0,8 Prozent, bei Jugendlichen unter 25 Jahren sogar um 1,4 Prozent.
Warum Frauen derzeit besonders stark betroffen sind, erklärte Kopf ebenfalls in der "ZiB2". Ein Grund sei die schwierige Lage in Branchen mit hohem Frauenanteil, etwa im Handel. Auch im Gesundheits- und Pflegebereich steige die Arbeitslosigkeit, obwohl dort gleichzeitig überdurchschnittlich viele neue Arbeitsplätze entstehen.
Hinzu kommen Einsparungen bei öffentlichen Stellen. "Die öffentliche Hand da oder dort spart", beschrieb Kopf die Situation. Wegen knapper Budgets könnten geplante zusätzliche Stellen nicht überall geschaffen werden.
Im Handel wiederum macht vor allem die Konkurrenz durch den Onlinehandel den Betrieben zu schaffen. Zusätzlich wirkt sich die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Frauenpensionsalters auf die Arbeitslosenzahlen aus.
Auch die Debatte über das Pensionsalter sprach Kopf an. Angesichts der demografischen Entwicklung hält er eine längere Erwerbstätigkeit für notwendig. "Wir werden wohl alle länger arbeiten müssen", sagte der AMS-Chef. Als Begründung verwies er auf das künftige Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Pensionisten. "Dann wäre 2050 das Verhältnis 2 zu 1."
Im Video: "Unglaubliche Tricks" – AMS-Berater packt jetzt aus
Dass die Gewerkschaft eine weitere Anhebung des Pensionsalters derzeit kritisch sieht, könne er allerdings nachvollziehen. Schließlich steige die Arbeitslosigkeit, während gleichzeitig das Frauenpensionsalter schrittweise angehoben werde.
Diskutiert wird auch, wie ältere Menschen länger in Beschäftigung gehalten werden können. Arbeiterkammer und Gewerkschaft haben dazu ein Bonus-Malus-Modell vorgeschlagen. Betriebe, die zu wenige ältere Arbeitnehmer beschäftigen, sollen demnach finanzielle Nachteile haben. Unternehmen, die die vorgesehenen Ziele übertreffen, würden hingegen profitieren.
Kopf steht solchen Strafzahlungen skeptisch gegenüber. Er bevorzugt positive Anreize, etwa Lohnzuschüsse. Eine Ausnahme könne er sich aber vorstellen: "Vielleicht kann man darüber nachdenken, ob man etwa ein schädliches Verhalten wie das Freisetzen Älterer pönalisieren."
Fest steht für den AMS-Chef jedenfalls, dass der wirtschaftliche Aufschwung derzeit noch nicht ausreicht, um die Arbeitslosigkeit in Österreich wieder sinken zu lassen.