Wenn das Herz nicht mehr richtig arbeiten kann, wird jeder Schritt zur Belastung. Schon das Stiegensteigen kann zur Herausforderung werden, wenn eine erkrankte Herzklappe den Blutfluss behindert. Oft hilft dann nur eine Operation, bei der die beschädigte Aortenklappe durch eine künstliche ersetzt wird. Doch was passiert, wenn im Herzen schlicht zu wenig Platz für die passende Prothese ist? Für dieses Problem haben Herzchirurgen der MedUni Wien und des AKH Wien eine neue Lösung entwickelt.
Die Aortenklappe funktioniert wie ein Ventil zwischen der linken Herzkammer und der Hauptschlagader. Sie sorgt dafür, dass das Blut in die richtige Richtung fließt. Muss sie ersetzt werden, wird eine künstliche Klappe eingesetzt – doch nicht jeder Mensch hat dafür gleich viel Platz. Ist die sogenannte Aortenwurzel, also der Bereich am Beginn der Hauptschlagader, besonders eng, kann oft nur eine kleinere Prothese verwendet werden.
Das Problem: Passt deren Öffnung nicht zum Blutbedarf des Körpers, muss das Herz weiterhin gegen einen erhöhten Widerstand anpumpen. Fachleute sprechen vom sogenannten Patient-Prothesen-Mismatch. Das kann die Erholung nach der Operation beeinträchtigen und langfristig zu schlechteren Behandlungsergebnissen führen.
Ein Team der Universitätsklinik für Herz- und Thorakale Aortenchirurgie von MedUni Wien und AKH Wien hat nun eine Operationstechnik entwickelt, mit der sich die Aortenwurzel gezielt vergrößern lässt. Die sogenannte Alfred-Kocher-Technik, benannt nach ihrem Entwickler und Leiter des Herzklappenteams Alfred Kocher, ermöglicht es, Klappenprothesen einzusetzen, die mindestens zwei Größen größer sind als ursprünglich vorgesehen.
Der besondere Vorteil: Der Eingriff kann nicht nur über einen klassischen chirurgischen Zugang, sondern auch minimalinvasiv und sogar endoskopisch durchgeführt werden. Die Methode wurde erstmals im Juni 2025 im Fachjournal "JTCVS Techniques" beschrieben. Mittlerweile kommt sie laut MedUni Wien auch an weiteren Zentren in Europa und den USA zum Einsatz.
Die Operation beginnt zunächst wie ein herkömmlicher Aortenklappenersatz. Erst nachdem das Ärzteteam den Aortenring genau vermessen hat, wird entschieden, ob mehr Platz benötigt wird. Ist das der Fall, erweitern die Chirurgen die Aortenwurzel durch einen T-förmigen Schnitt. Anschließend wird der Bereich mit einem speziell geformten Gewebeflicken, einem sogenannten Patch, rekonstruiert.
Dabei bleiben die Herzkranzgefäße unberührt und die natürliche Form der Aortenwurzel weitgehend erhalten: "Mit einem vergleichsweise einfachen zusätzlichen Operationsschritt können wir deutlich größere Klappenprothesen einsetzen, ohne die Herzkranzgefäße zu beeinträchtigen", erklärt Kocher. Dass die Technik auch bei schonenderen Operationszugängen angewendet werden kann, sieht der Herzchirurg als weiteren entscheidenden Vorteil.
Bei einem Herzklappenersatz geht es heute längst nicht mehr nur darum, die aktuelle Erkrankung zu behandeln. Die Ärzte müssen auch berücksichtigen, welche Eingriffe möglicherweise in zehn oder zwanzig Jahren notwendig werden.
Denn künstliche Herzklappen halten nicht immer ein Leben lang. Muss eine Prothese später erneut behandelt werden, kann unter bestimmten Voraussetzungen eine neue Klappe mithilfe eines Katheters in die bereits vorhandene eingesetzt werden. Dafür ist ausreichend Platz besonders wichtig. Eine größere Prothese bei der ersten Operation kann deshalb die Möglichkeiten für spätere Behandlungen verbessern. Dieses vorausschauende Konzept wird in der Herzmedizin als "Lifetime Management" bezeichnet.
Unter der Leitung von Klinikchef Daniel Zimpfer arbeitet das Wiener Team daran, den gesamten Ablauf des chirurgischen Aortenklappenersatzes weiterzuentwickeln und zu standardisieren. Mehrere technische Neuerungen wurden bereits zum Patent angemeldet: "Eine ausreichend große Klappenprothese ist dafür eine wichtige Voraussetzung", betont Zimpfer mit Blick auf die langfristige Versorgung der Patienten.
Die ersten Erfahrungen mit der neuen Technik sind vielversprechend. Wie stark sie langfristige Behandlungsergebnisse tatsächlich verbessert, müssen weitere Untersuchungen zeigen.