2021 wurde Roland Weißmann zum ORF-Generaldirektor gewählt. Er folge damals auf Alexander Wrabetz. Der hatte die Funktion seit 2007 bekleidet, war zuvor im ORF Kuratorium – dem heutigen Stiftungsrat – gesessen und war danach kaufmännischer Direktor des größten Medienunternehmens Österreichs.
Weißmann wiederum hatte seine ORF-Karriere in Niederösterreich begonnen, saß auf einem Ticket der ÖVP auf dem Chefsessel am Küniglberg. Gewählt wurde er damals aber auch von den Stiftungsräten des grünen Koalitionspartners, vier unabhängigen und von FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger.
Jetzt ist seine Karriere beim Staatssender gestoppt. Dafür gesorgt hat eine Mitarbeiterin, die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen Weißmann erhoben hatte ("Heute" berichtete). Der weist diese Vorwürfe vehement zurück. Sein Anwalt betonte am Montag, dass seinem Mandanten der von der Mitarbeiterin erhobene Vorwurf "nicht vorliegt". Auch sei keine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe erfolgt, deren Verbreitung "völlig unangemessen und überschießend". Für den Ex-Generaldirektor gilt die Unschuldsvermutung.
Aber wer darf sich Chancen auf den Top-Job am Küniglberg ausrechnen? Weißmann hatte zuletzt immerhin 427.500 Euro Jahresgehalt gecasht. "Heute" hat die Liste mit den aussichtsreichsten Kandidaten:
Ein Name, zuletzt immer wieder für höhere Weihen genannt wurde, ist Alexander Hofer (54). Er kennt das Haus bestens, durchlief schon etliche Stationen. Er begann seine ORF-Laufbahn 1992 beim Aktuellen Dienst des Landesstudios Niederösterreich. Von 1999 bis 2007 war er in der Vorabendsendung Willkommen Österreich als Wetter- und Außenmoderator zu sehen.
Später wurde er Leiter der Seitenblicke, 2014 dann Vize-Unterhaltungschef. Seit 202018 ist er Channelmanager von ORF 2. Im März 2023 wurde er schließlich zum Direktor des ORF-Landesstudios Niederösterreich gewählt. Ihm wird ein gutes Verhältnis zur ÖVP Niederösterreich nachgesagt.
Ein weiterer heißer Name ist Philipp König (42). Er arbeitete von 2012 bis 2018 im ORF als Jurist, zunächst in der Rechtsabteilung und ab 2014 als Rechtsexperte des damaligen Chefproducers Roland Weißmann in der Finanzdirektion. Später wurde er Büroleiter bei den früheren Finanzdirektoren Richard Grasl und Andreas Nadler.
Spannend ist sein Konnex zur Politik, in dem Fall zur Kurz-ÖVP. 2018 holte der damalige Medienminister Gernot Blümel ihn in sein Kabinett als Kanzleramtsminister der ÖVP-FPÖ-Koalition unter Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache. In der türkis-grünen Koalition wurde er Büroleiter und Rechtsexperte von Kurz' Medienberater Gerald Fleischmann. 2021 verließ König das Kanzleramt. Ende 2021 wurde er Geschäftsführer des Privatradios Kronehit.
Bereits Erfahrung mit einer Kandidatur hat Lisa Totzauer (55). Sie hatte bereits 2021 für den ORF-Chefsessell kandidiert – war allerdings Roland Weißmann unterlegen. Totzauer hat ihre ORF-Karriere beim aktuellen Dienst des Landesstudios Niederösterreich begonnen, war später Redakteurin der ZiB2 und der Zeit im Bild, danach sogar Sendungsverantwortliche für die ZiB. Seit 2022 ist sie Leiterin der TV-Magazine.
Ein Vorteil auch für sie: Sie verfügt über einen sehr guten Draht zur mächtigen niederösterreichischen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP). Und die wiederum wird wohl bei der Bestellung ein Wörtchen mitzureden haben. Schließlich steht der Generaldirektorsposten am Küniglberg laut Sideletter der Dreierkoalition der ÖVP zu.
Zur interimistischen Nachfolgerin von Roland Weißmann soll am Donnerstag bei der Sitzung des Stiftungsrates Ingrid Thurnher (63) gewählt werden. So sieht es jedenfalls der Plan der beiden Vorsitzenden Heinz Lederer und Gregor Schütze vor. Die gebürtige Vorarlbergerin ist ein Urgestein am Küniglberg.
Auch sie begann ihre ORF-Laufbahn 1986 beim Landesstudio Niederösterreich als Redakteurin im Aktuellen Dienst, moderierte Land und Leute, Österreich-Bild, Österreich heute und Niederösterreich heute. 1991 wechselte sie in die Radio-Innenpolitik. Ab 1995 war sie zurück am Bildschirm, unter anderem viele Jahre als Gesicht der ZiB2. Im April 2007 ging es für sie in die Zeit im Bild um 19:30 Uhr. Weitere Bildschirmpräsenz brachten ihr die Talk-Formate "im Zentrum" und "Runder Tisch" sowie viele Spitzenkandidaten-Konfrontationen im Vorfeld von Wahlen.
Danach ging es als Chefredakteurin zu ORF III. 2021 wurde sie auf Vorschlag von Roland Weißmann zur Radiodirektorin des ORF bestellt. Jetzt löst sie Weißmann also zumindest vorübergehend ab. Ob aus diesem Gastspiel ein längerer Aufenthalt in der Chefposition wird wohl auch davon abhängen, wie sich Thurnher in den nächsten herausfordernden Monaten bewährt. Immerhin stehen der Song Contest in Wien und die Fußball-WM unmittelbar bevor.
Für eine Frau an der Spitze des Staatssenders hatte sich nach Weißmanns Rücktritt auch Medienminister Andreas Babler (SPÖ) ausgesprochen. Dem Vernehmen nach hat er auch bereits eine Favoritin: Doroteja "Dodo" Roscic (53). Die in Belgrad geborene Roscic war an 2000 und 2001 an der Entwicklung des ORF-Eigenformats "Taxi Orange" mit. Weitere TV-Projekte: "Der große Persönlichkeitstest" "Deal or No Deal" oder Dancing Stars.
Ab Februar 2006 war Roscic Leiterin der ORF-Entwicklungsabteilung Programm. Mit 1. Jänner 2022 wurde sie zur Programmchefin des ORF-Jugendsenders FM4. Ihr Bruder ist Bogdan Roscic, Direktor der Wiener Staatsoper und früher Senderchef bei Ö3.
Eher kleinere Chancen auf ein Comeback im Chefsessel der ORF dürfte Alexander Wrabetz (65) haben. Während des Studiums engagierte sich Wrabetz im Umfeld der SPÖ, organisierte den erfolgreichen Vorzugsstimmenwahlkampf von Josef Cap. Von 1983 bis 1984 war er Bundesvorsitzender der Sozialistischen Studenten.
Wie bereits zu Beginn erwähnt, saß Wrabetz im ORF-Kuratorium, wurde später kaufmännischer Direktor und leitete von 2007 bis 2021 das Unternehmen. Seit 26. November 2022 ist Wrabetz Präsident des SK Rapid Wien. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) holte ihn kürzlich als KI-Berater für die Stadt Wien.
Ebenfalls als Außenseiter gehandelt wird Markus Breitenecker (57) – trotz einiger Medienerfahrung. Er wurde 1996 Geschäftsführer des neu gegründeten Fernsehsenders Der Wetterkanal, kurz danach wurde er von Pro Sieben abgeworben. 2007 übernahm er mit der ProSiebenSat1-Gruppe den Wiener Stadtsender Puls TV, der Sender wurde in Folge in Puls 4 umbenannt. 2017 kam zur ProSieben/Sat1/Puls4-Österreich-Gruppe auch der Fernsehsender ATV hinzu.
Zum 1. April 2024 wurde Breitenecker in den Konzern-Vorstand nach Deutschland berufen, wo er die Steuerung des Entertainment-Bereichs übernahm. Im Oktober 2025 trat er als COO von ProSiebenSat.1 zurück.
Wer auch immer Ambitionen auf den Job hat: Der Start der Bewerbungsfrist wird wohl nach der Sitzung des Stiftungsrates mit Anfang Mai festgelegt …