Das Kinderzimmer gleicht einem kleinen Jurassic Park. Auf dem Teppich liefern sich Dinosaurier wilde Kämpfe, im Regal stapeln sich Bücher über längst ausgestorbene Giganten. Und während die Erwachsenen beim Namen "Parasaurolophus" längst kapitulieren, erklärt der Nachwuchs begeistert, was dieser Urzeitriese gefressen hat und wann er gelebt hat.
Vielleicht kommt dir das bekannt vor. Vielleicht warst du selbst dieses Kind, das stundenlang über Dinosaurier sprechen konnte. Oder es waren Pferde, Flugzeuge und Traktoren, über die du plötzlich mehr wusstest als so mancher Erwachsene. Was zunächst nach einer ganz gewöhnlichen Kindheitsphase klingt, ist für die Entwicklungspsychologie besonders interessant.
Manche Kinder spielen einfach gerne mit Dinosauriern. Andere wollen jedes noch so kleine Detail wissen, merken sich komplizierte Namen und stellen Fragen, auf die selbst ihre Eltern keine Antwort haben. Fachleute sprechen bei solchen ausgeprägten Wissensgebieten von sogenannten "conceptual interests": Gemeint sind intensive Interessen, bei denen Kinder nicht nur mit etwas spielen, sondern gezielt Wissen sammeln, Zusammenhänge erkennen und immer tiefer in ein Thema eintauchen.
Wie verbreitet dieses Phänomen ist, untersuchte ein Forschungsteam um Joyce M. Alexander von der Indiana University.
Für die Untersuchung begleiteten die Wissenschaftler 215 Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren über einen Zeitraum von zwei Jahren. Alle zwei Monate wurden ihre Eltern gefragt, womit sich die Kleinen gerade besonders intensiv beschäftigten. Das Ergebnis: 103 Kinder entwickelten während dieser Zeit mindestens einmal ein solches Spezialinteresse. Das entspricht beinahe der Hälfte der untersuchten Kinder.
Bei ungefähr jedem fünften Kind hielt die Begeisterung sogar mindestens ein Jahr lang an. Für manche war die Dinosaurier-Phase also weit mehr als eine kurze Laune.
Wer als Kind jeden Dinosaurier beim Namen nennen konnte, darf sich jetzt allerdings nicht automatisch für ein verkanntes Genie halten. Die Untersuchung hat weder den Intelligenzquotienten der Kinder gemessen noch überprüft, ob sie später bessere Schulnoten erzielten. Ein direkter Zusammenhang zwischen Dino-Liebe und höherer Intelligenz lässt sich daraus deshalb nicht ableiten.
Spannend ist jedoch, was frühere Forschungsarbeiten über intensive Interessen zeigen: Sie stehen häufig mit größerer Ausdauer, stärkerer Aufmerksamkeit und einer vertieften Verarbeitung von Informationen in Verbindung. Kinder lernen dabei nicht bloß Fakten auswendig: Sie beginnen, ihr Wissen zu ordnen, Unterschiede zu erkennen und neue Erkenntnisse mit bereits Bekanntem zu verknüpfen. Aus einzelnen Dinosauriern wird so nach und nach ein ganzes Wissensuniversum.
Ob aus einer anfänglichen Begeisterung eine langjährige Leidenschaft wird, hängt nicht allein vom Kind ab. Eine weitere Untersuchung desselben Forschungsteams mit 211 Vierjährigen deutet darauf hin, dass das familiäre Umfeld entscheidend mitwirkt. Gespräche über das Lieblingsthema, passende Bücher und ausreichend Zeit zum freien Spielen können die Neugier unterstützen.
Eltern müssen dafür keineswegs selbst zu Dinosaurier-Experten werden: Oft reicht es schon, interessiert zuzuhören, Fragen ernst zu nehmen und gemeinsam nach Antworten zu suchen.
Eine Beobachtung überraschte die Forscher besonders: Während der zweijährigen Untersuchung nahmen die ausgeprägten Spezialinteressen deutlich ab – sowohl bei Buben als auch bei Mädchen. Warum das so ist, bleibt offen: Die Wissenschaftler vermuten, dass der Schulbeginn eine Rolle spielen könnte. Weniger freie Spielzeit, feste Stundenpläne und neue Freundschaften lassen möglicherweise weniger Raum, um stundenlang in eine selbst gewählte Welt einzutauchen.