Ein aufgedunsenes Gesicht, ein paar Kilos mehr auf der Waage, schlechter Schlaf oder plötzlich Heißhunger – auf TikTok scheint der Schuldige schnell gefunden: Cortisol. Unter Schlagworten wie "Cortisolmaxxing" und "Cortisol Detox" zeigen Nutzer Routinen, Lebensmittel und vermeintliche Tricks, mit denen sie das "Stresshormon" in den Griff bekommen wollen.
Doch lässt sich unser Körper tatsächlich so einfach erklären? Internistin Alexandra Kautzky-Willer von der MedUni Wien ordnet den TikTok-Trend im Gespräch mit "Heute" ein.
"Cortisol ist ein lebenswichtiges Hormon", stellt Kautzky-Willer klar. Gebildet wird es in der Nebennierenrinde und anschließend ins Blut abgegeben. Dort übernimmt es gleich eine ganze Reihe wichtiger Funktionen. Das Hormon spielt unter anderem für Energiehaushalt, Zuckerstoffwechsel, Blutdruck, Knochen, Immunsystem und Schlaf-Wach-Rhythmus eine Rolle. Auch bei unserer Reaktion auf Stress ist Cortisol entscheidend.
In einer Stresssituation stellt der Körper damit Energie bereit. Evolutionsbiologisch war das für die klassische "Fight-or-flight"-Reaktion besonders wichtig: Der Körper musste innerhalb kürzester Zeit bereit sein, zu kämpfen oder zu fliehen.
Was in zahlreichen Social-Media-Videos schnell untergeht: Es gibt nicht den einen Cortisolwert, der rund um die Uhr gleich bleibt. "Cortisol wird nicht kontinuierlich freigesetzt", erklärt die Medizinerin. Das Hormon folgt einem Tagesrhythmus. Morgens ist der Spiegel natürlicherweise hoch, um Mitternacht erreicht er dagegen seinen Tiefpunkt.
Ein einzelner beliebiger Messwert lässt deshalb kaum seriöse Schlüsse zu. Wer versucht, seinen Cortisolspiegel ständig zu "tracken", um daraus unmittelbar sein Stressniveau abzulesen, macht es sich laut Kautzky-Willer zu einfach.
Auch die Vorstellung, bei Stress müsse vor allem das Cortisol bekämpft werden, sieht die Expertin kritisch. "Es ist so, als würde man ein Pferd von hinten aufzäumen", sagt sie. Bei Stress wird tatsächlich vermehrt Cortisol ausgeschüttet. Vor allem dauerhafter chronischer Stress kann gesundheitlich problematisch werden und steht unter anderem mit Stoffwechsel-, Herz-Kreislauf- und psychischen Erkrankungen in Zusammenhang.
Entscheidend sei jedoch, an der Ursache anzusetzen: "Da bringt es aber nichts, das Cortisol labor-kosmetisch zu behandeln, sondern man muss die Ursache vom Stress erkennen können und versuchen, auszuschalten."
Hier liegt der Haken vieler "Cortisol Detox"-Tipps: Bewegung, Sport, ausgewogene Ernährung, wenig Zucker, kein Rauchen, möglichst wenig Alkohol, Zeit in der Natur und Entspannung können durchaus sinnvoll sein. Nur ist die Begründung eine andere, als manche TikTok-Clips suggerieren: "Alles, was einen gesunden Lebensstil unterstützt und zur Stressreduktion hilft, ist prinzipiell gut", sagt Kautzky-Willer. Diese Maßnahmen seien aber nicht deshalb sinnvoll, weil man möglichst viel Cortisol aus dem Körper bekommen müsse, sondern weil sie dabei helfen können, Stress zu reduzieren.
Auch vom ständigen Selbstvermessen hält die Internistin wenig: "Sich selbst tracken, indem ich immer wieder meinen Cortisolspiegel messe, finde ich, macht keinen Sinn."
Besteht tatsächlich der Verdacht auf eine hormonelle Erkrankung, braucht es eine gezielte medizinische Abklärung. Aufgrund der natürlichen Schwankungen reicht irgendeine Messung zu irgendeiner Tageszeit nicht aus. Kautzky-Willer nennt etwa Speichelcortisol um Mitternacht oder eine Blutmessung in den frühen Morgenstunden zwischen sechs und acht Uhr als mögliche Bestandteile der Diagnostik. Je nach Fragestellung sind weitere Tests notwendig.
Dauerhaft krankhaft erhöhte Cortisolwerte können gesundheitliche Folgen haben und etwa mit Muskelschwäche einhergehen. Umgekehrt kann auch ein Mangel gefährlich sein. Bei bestimmten Erkrankungen müssen Betroffene Cortisol deshalb sogar lebenslang medikamentös ersetzen. Für gesunde Menschen gibt es daher keinen Grund, den Wert auf eigene Faust möglichst weit nach unten drücken zu wollen: "Wir brauchen Cortisol – es ist lebenswichtig", betont die Professorin.
Wer weniger Stress möchte, darf also durchaus spazieren gehen, Sport treiben, besser schlafen oder an seiner Ernährung arbeiten. Nur braucht es dafür keinen vermeintlichen "Cortisol Detox". Denn hinter dem nächsten TikTok-Hack steckt am Ende eine deutlich unspektakulärere Erkenntnis: Nicht das Cortisol muss weg – sondern möglichst der chronische Stress.