Kein Wecker fürs Büro, kein eigenes Gehalt und kein Stress mit der nächsten Stromrechnung. Stattdessen kümmert sich der Partner um Miete, Einkäufe und den gemeinsamen Lebensstandard. Was für manche nach Luxus klingt, löst bei anderen sofort eine Frage aus: Was passiert eigentlich, wenn die Beziehung plötzlich vorbei ist?
Nachdem in den sozialen Medien zuletzt sogenannte "Tradwives" für Diskussionen sorgten, taucht nun eine verwandte Form des traditionellen Beziehungsmodells auf: die "Stay-at-home"-Girlfriend.
Anders als der Begriff "Tradwife" schon verrät, braucht es dafür nicht einmal eine Ehe: Die "Stay-at-home"-Freundin arbeitet in der klassischen Darstellung nicht oder zumindest nicht in einem regulären Job und verlässt sich finanziell weitgehend auf ihren Partner. Auf Social Media wird daraus häufig ästhetischer Content: Morgenroutine, Haushalt, Kochen, Selfcare oder Einkaufen. Während der Partner arbeitet und das Geld verdient, organisiert sie den Alltag zu Hause.
Für manche Frauen ist das eine bewusst gewählte Rollenverteilung. Kritiker sehen darin dagegen ein erhebliches Abhängigkeitsverhältnis – vor allem dann, wenn die Frau weder eigenes Einkommen noch finanzielle Rücklagen oder berufliche Absicherung hat.
Wie sehr das Thema polarisiert, zeigt das Beispiel von Ella, die sich in einem Video als 19-jährige "Stay-at-home"-Verlobte präsentiert. Statt Bewunderung sammeln sich darunter zahlreiche skeptische Reaktionen: "Das muss Satire sein", schreibt ein User. Andere fragen: "Ehrlich, was passiert, wenn ihr Schluss macht?" Eine weitere Person kommentiert: "Das ist mein Alptraum!" Auch "Das kannst du nicht ernst meinen" ist unter den Reaktionen zu lesen.
Die Kommentare treffen damit einen wunden Punkt des Modells: Solange die Beziehung funktioniert, kann die Rollenverteilung für beide Partner passen. Endet sie jedoch, kann aus freiwilliger Arbeitsteilung schnell ein handfestes finanzielles Problem werden.
Wie verletzlich diese Konstruktion sein kann, beschreibt Influencerin Nia in einem TikTok. Nach eigener Darstellung lebte auch sie zuvor als "Stay-at-home"-Girlfriend. Dann zerbrach die Beziehung – und damit offenbar auch ihre bisherige Lebensgrundlage.
In ihrem Video schreibt sie sinngemäß, dass sie nun weder eine Beziehung noch ein Zuhause habe, in dem sie leben könne. "Das ist so gruselig", reagiert eine Userin. Andere Frauen berichten in den Kommentaren, ähnliche Situationen selbst erlebt zu haben.
Dabei ist eine Beziehung mit klassischer Rollenverteilung nicht automatisch problematisch: Erwachsene Paare sollten selbst entscheiden können, wie sie Erwerbsarbeit, Haushalt und Finanzen untereinander aufteilen.
Riskant wird es allerdings, wenn finanzielle Abhängigkeit ohne Absicherung entsteht: Wer über längere Zeit kein eigenes Einkommen erzielt, kann im Fall einer Trennung plötzlich ohne ausreichende Rücklagen dastehen. Bei unverheirateten Paaren können zudem andere rechtliche Rahmenbedingungen gelten als in einer Ehe.
Zwischen hübschen Morgenroutinen und perfekt eingerichteten Wohnungen bleibt deshalb eine Frage, die auf TikTok erstaunlich selten ins Bild passt: Wie romantisch fühlt sich das "Provider"-Modell noch an, wenn der er plötzlich weg ist?