Typische Szene in den Öffis: Mittlerweile schauen die meisten Menschen auf ihre Smartphones. Sie alle neigen ihren Kopf schon so weit nach unten, dass das Kinn auf dem eigenen Brustkorb gestützt wird. Personen, die auch während ihrer Arbeitszeit auf das Handy schauen, senken oft unbewusst ihren Blick auf den Bildschirm. Die Beschwerden werden im ersten Moment nicht wahrgenommen und doch kommen sie schleichend. Sportarzt, Traumatologe und Orthopäde Martin Reschl erklärt im "Heute"-Interview, welche Schmerzen sich erst nach Jahren äußern können und welche Übungen gegen den "Handy-Nacken" helfen können.
In den Sozialen Medien werden Begriffe, wie "Handy-Nacken" oder "tech neck" immer geläufiger und doch wissen viele Nutzer nicht, was hinter diesem Phänomen wirklich steckt. "Wenn man den Begriff "Handy-Nacken" hört, ist davon auszugehen, dass es sich um eine chronische Fehlhaltung und Überlastung der Halswirbelsäule handelt", definiert der Wiener Orthopäde.
"Die Fehlhaltung, wie es der Name schon verrät, entsteht, sofern ständig auf das Handy geschaut wird. Dadurch verharren viele in eine nach vorne gebeugte Position. Durch so eine Haltung wirken bestimmte Kräfte mit einem schweren Gewicht auf die Halswirbelsäule", fügt Reschl hinzu. Einige spüren die ersten Beschwerden sogar bereits einige Wochen oder Monate später - und denken sich trotz der Schmerzen oft nichts dabei.
Der Traumatologe betont, dass viele Menschen die Krafteinwirkungen auf den Kopf, sofern der Kopf nach vorne gebeugt ist, stark unterschätzen. "Man kann sich das so vorstellen: Unser Kopf ist in der Regel vier bis sechs Kilogramm schwer. Befindet man sich in einer gerade Position, in der man aufrecht geradeaus schaut, dann ist die Muskulatur gut gespannt. Strukturen, wie Bandscheiben oder Bänder, werden währenddessen nicht stark überlastet. Wird der Kopf um 10 bis 15 Grad nach vorne gebeugt, wird die Halswirbelsäule mit Kräften, von 10 bis 12 Kilogramm, belastet. Wird das Kinn um 30 bis 40 Grad nach vorne geneigt, liegen auf dem Bereich der Halswirbel bis zu 20 Kilogramm Last. Wer sein Kinn zum Brustbein neigen lässt, belastet seine Halswirbelsäule mit 30 bis 35 Kilogramm", erzählt Reschl.
Verbleibt man nur für eine gewisse Zeit in einer unnatürlichen Position, kann der Körper sie dementsprechend tolerieren. Wer den Blick länger nicht nach oben hebt, kann mit Überbelastungsschmerzen rechnen, die weitreichende Folgen mit sich bringen. Der Sportarzt ruft dazu auf, alle zehn Minuten seine Position zu wechseln. Dabei spielt es keine Rolle, ob man sitzt oder steht: Kommt es regelmäßig zu einem Positionswechsel, wird der Körper nicht überbelastet.
Wer glaubt, dass nur ein Buckel die Langzeitfolge des "Handy-Nackens" ist, hat falsch gedacht. "Werden passive Strukturen des Körpers, wie Bandscheiben, Bänder und Nerven überbelastet, kommt es zu Bandscheibenvorfällen oder zu einer verfrühten Abnutzung der kleinen Wirbelgelenke der Halswirbelsäule. Dadurch ist man in der Bewegung eingeschränkt und hat mit starken Schmerzen zu kämpfen. Durch die Beschwerden kann der Alltag nicht richtig bewältigt werden und Emotionen, wie Frustration, werden ausgelöst. Außerdem kann es zu Nervenverengungen, Nervenschmerzen und zu einem Kribbeln in den Händen kommen. Das ist schon eine Latte an Probleme, die daraus resultieren", warnt der Orthopäde.
Wie für viele Beschwerden bereits gilt, ist Sport die beste Medizin. Für den Orthopäden wäre das Wichtigste, kleine, gezielte Übungen in den Alltag zu integrieren. Wird die Muskulatur regelmäßig aktiviert, kann diese dementsprechend gekräftigt werden.
Der Sportarzt gibt drei einfache Übungen mit auf den Weg, die dabei helfen, die Tiefenmuskulatur der Halswirbelsäule richtig zu stärken: "Die erste Übung wäre mit der Nasenspitze eine liegende Acht in der Luft zu zeichnen. Eine weitere Übung, die die Muskulatur kräftigt, ist geradeaus zu schauen und sich einen Punkt auf der Wand zu suchen. Die Augen sollen nach rechts und links bewegt werden, ohne dabei den Kopf zu bewegen. Normalerweise möchte der Kopf immer sich dorthin drehen, wohin die Augen schauen. Durch diese Übung wird der Muskulatur das Signal gegeben, sich anzuspannen. Für die letzte Übung wird das Kinn mit zwei Fingern nach hinten gedrückt. Dadurch wird der Kopf wieder in eine normale gerade aufrechte Position zurückgeschoben." Reschl befürwortet zusätzlich, dass solche Übungen auch präventiv gemacht werden können.
„Wir müssen, als Erwachsene, mit einer Vorbildfunktion auftreten.“Martin ReschlTraumatologe, Orthopäde & Sportarzt
In diesem Zeitalter, in welchem Kinder und Teenies schon früh mit der digitalen Welt konfrontiert werden, befürwortet der Traumatologe hier den offenen Dialog: "Beginnen tut vieles im Kindesalter. Oft besitzt ein Kind noch mehr Ressourcen und Kompensationsmechanismen als ein Erwachsener, dennoch beginnt im frühen Alter die Problematik der chronischen Beschwerden, die erst zehn bis 20 Jahre später sichtbar werden."
"Erwachsene sind hier Vorbilder. Wir müssen als Erwachsene mit einer Vorbildwirkung auftreten. Das ist der Schlüssel. Es ist wichtig, Kinder auf die Risiken der ständigen Handynutzung aufmerksam zu machen. So kann verhindert werden, dass Kinder in ihrem späteren Leben nicht dadurch unter chronischen Schmerzen und Beschwerden leiden", fügt Reschl schließlich hinzu.