Die Schwangerschaft ist für viele Paare eine Zeit voller Vorfreude – aber auch voller Veränderungen. Während sich beim Körper der werdenden Mutter sichtbar alles wandelt, passiert im Hintergrund oft noch etwas Unerwartetes: Auch Partner berichten plötzlich von Übelkeit, Müdigkeit oder Stimmungsschwankungen. Was wie Einbildung klingt, ist ein reales Phänomen – und beschäftigt zunehmend die Wissenschaft.
Plötzlich ist da diese Übelkeit am Morgen, dazu extreme Müdigkeit oder ein seltsames Unwohlsein. Symptome, die viele sofort mit einer Schwangerschaft verbinden würden – nur dass sie diesmal nicht die werdende Mutter betreffen.
Die Ursache könnte das sogenannte Couvade-Syndrom sein: "Am besten lässt es sich als eine Art mitfühlende Schwangerschaft beschreiben", erklärt Gynäkologin Catherine Caponero gegenüber "BBC". "Im Grunde bedeutet es, dass ein nicht schwangerer Partner Schwangerschaftssymptome erlebt, obwohl er biologisch nicht schwanger ist."
Lange galt das Phänomen als Kuriosität. Doch aktuelle Studien zeigen: Es ist deutlich häufiger, als viele denken. Bis zu die Hälfte aller werdenden Väter berichtet von zumindest einigen Symptomen. In manchen Ländern liegt die Quote sogar bei über 60 Prozent.
Typisch ist dabei: Die Beschwerden treten ähnlich wie bei einer echten Schwangerschaft auf – besonders stark im ersten und dritten Trimester – und verschwinden nach der Geburt wieder.
Warum das passiert, ist noch nicht vollständig geklärt. Experten gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenspielen: "Der genaue Mechanismus ist noch nicht gut verstanden", meint Psychologe Daniel Singley. "Möglicherweise ist es eine Art, mit emotionalem Stress umzugehen – oder es gibt eine neurobiologische Grundlage. Sicher ist das bisher nicht."
Klar ist: Die emotionale Belastung spielt eine große Rolle. "Ein Kind zu bekommen, gehört zu den wichtigsten Entwicklungsschritten im Leben eines Erwachsenen", erläutert Psychologe Kevin Gruenberg im "BBC"-Interview. "Das kann sehr stressig und überwältigend sein – und das Couvade-Syndrom könnte ein Ausdruck dieser großen Veränderung sein."
Viele Fachleute sehen im Couvade-Syndrom auch eine Form intensiver Empathie. Partner erleben die Schwangerschaft so nah mit, dass sich emotionale Prozesse körperlich bemerkbar machen: "Es spiegelt die tiefe emotionale Verbundenheit und Identifikation mit der schwangeren Partnerin wider", so Psychologe Ronald Levant.
Oft zeigt sich das auch im Verhalten: Partner passen ihren Alltag an, verzichten auf bestimmte Lebensmittel oder übernehmen Gewohnheiten – ein Zeichen von Unterstützung, das weit über Worte hinausgeht.
Neben der Psyche könnten auch biologische Veränderungen beteiligt sein. Untersuchungen zeigen, dass sich während der Schwangerschaft der Partnerin auch die Hormonwerte von Männern verändern. Sinkende Testosteron- und Östrogenspiegel könnten etwa erklären, warum manche Männer an Gewicht zunehmen oder emotional sensibler reagieren.
Trotz wachsender Forschung bleibt das Couvade-Syndrom ein Rätsel. Es ist nicht offiziell als Krankheit anerkannt und wird in vielen medizinischen Lehrbüchern kaum erwähnt. "Selbst in unseren medizinischen Unterlagen gibt es dazu kaum Informationen", so Caponero.