Man kann sie getrost bereits als ORF-"Urgestein" bezeichnen: Lisa Totzauer. Die 56-Jährige begann bereits 1997 im Österreischen Rundfunk. Der Start erfolgte im Aktuellen Dienst und dem Landesstudio Niederösterreich. Seit 2022 ist sie Chefredakteurin der Magazine und Servicesendungen
Davor war sie Channel-Managerin von ORF 1. In dieser Funktion führte sie etwa Formate wie "Gute Nacht Österreich" und "Q1 – Ein Hinweis ist falsch" ein.
Jetzt will sie ganz an die Spitze des Küniglbergs. Als erste Kandidatin hat sie ihre Bewerbung für den Generaldirektors-Job abgegeben. Auf 130 Seiten erklärt die ORF-Magazin-Chefin in ihrem Bewerbungskonzept, wie sie den Öffentlich-Rechtlichen "retten" will.
Der Sender befinde sich derzeit in einer nie da gewesenen Dreifach-Krise. Die betreffe die Glaubwürdigkeit ebenso wie die wirtschaftliche Lage und die Konkurrenz. Daher brauche es einen "radikalen Wandel". Totzauer versteht ihr Konzept als eine "Kampfansage für die Zukunft des ORF".
So will sie etwa das Programmangebot jünger machen. Derzeit liege das Durchschnittsalter der ORF-2-Zuseher im Bereich 60 plus. Das ist für sie das "Ergebnis jahrzehntelanger Programmierung". Dieses Publikum dürfe nicht das einzige sein, schreibt sie.
Das nächste Problem, das sie ausmacht: "Sendungen mit hohen Kosten und geringem öffentlich-rechtlichen Mehrwert". Dazu zählten etwa eingekaufte Krimiserien. Totzauer will daher deutlich mehr auf Eigenproduktionen und digitale Formate setzen.
Die derzeitigen fünf Kanäle des ORF will sie beibehalten. ORF 1 soll dabei ein Vollprogramm für Unterhaltung, Events, Satire und junges, modernes Publikum bieten. ORF 2 müsse für Information, Gesellschaft und Regionalität stehen. ORF III wiederum sieht sie als "Kurations-, Kultur- und Informationsprogramm".
ORF SPORT+ müsse die Breite des österreichischen Sports abbilden, ORF ON als "digitales Gravitationszentrum" fungieren: "Keine Kannibalisierung, keine Doppelungen, und für jeden Kanal eine klare Antwort auf die Frage: Welche Zielgruppe unter 50 erreiche ich, und wie?"
Ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2029 soll der ORF zur führenden Streaming-Plattform in Österreich werden. Motto dabei: "Nicht durch Nachahmung von Netflix, sondern durch ein Angebot, das Netflix nicht abbilden kann."
Ein Thema, das in der Öffentlichkeit stark polarisiert, verteidigt sie: die umstrittene Haushaltsabgabe. Diese liege mit 15,30 Euro monatlich im europäischen Mittelfeld. So würden ARD/ZDF zusammen die deutschen Haushalte rund 18 Euro kosten. Zudem sei der Beitrag bis 2029 eingefroren. Das koste den ORF zu den ohnehin vorgebebenen Einsparungen von 325 Millionen Euro bis 2026 noch einmal 220 Millionen bis 2029. Trotzdem dieser Kritik an den Vorgaben der Politik ist ihr Credo: "Jeder Euro gehört der Öffentlichkeit."
Das will sie in einem anderen Bereich zeigen. So soll der aktuelle Fünfer-Vorstand durch drei Personen ersetzt werden. Zudem sollen frei werdende Stellen nicht "reflexhaft" nachbesetzt, sondern "strategisch neu gedacht" werden. Eine "pauschale Nachbesetzungssperre" werde sie aber nicht verhängen.
Weitere Themen von Totzauers Bewerbungsunterlage behandeln etwa die Künstliche Intelligenz, den Bereich Partizipation und die Regionalität als "Kernelement".
Ob sie sich mit diesem Konzept durchsetzen kann, wird sich schon am 8. Juni zeigen. Da stellt sie sich wie die anderen Kandidaten dem öffentlichen Hearing im Funkhaus, das auf ORF III und ORF ON übertragen wird. Drei Tage später steigt dann die Wahl im Stiftungsrat.
Vor fünf Jahren stand Totzauer schon einmal vor einer solchen Situation. Damals hatte sie sich ebenfalls für die Funktion der Generaldirektorin beworben, scheiterte aber schließlich klar an Roland Weißmann. Denkbar, dass sie jetzt die Nach-Nachfolgerin des geschassten Weißmann wird …