Melanotan II

"Sehr dumm" – Wiener Arzt warnt vor "Barbie-Droge"

Schnelle Bräune durch Peptid? Die sogenannte "Barbie-Droge" Melanotan II wird im Netz als Beauty-Hack gefeiert. Ein Wiener Pharmakologe schlägt Alarm.
Artiola  Zhabota
18.09.2026, 16:44
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Braun werden, ohne dafür stundenlang in der Sonne zu liegen – und stattdessen ein Peptid spritzen? Was nach einem fragwürdigen Beauty-Hack klingt, wird auf TikTok als Abkürzung zur schnellen Bräune gefeiert. Vor allem in der Looksmaxxing-Szene fällt dabei immer wieder ein Name: Melanotan II. Pharmakologe Markus Zeitlinger von der MedUni Wien warnt im "Heute"-Gespräch eindringlich vor dem Hype.

So entsteht die künstliche Bräune

Melanotan II ist ein künstlich hergestelltes Peptid, das einem körpereigenen Hormon ähnelt. Wird es injiziert, regt es die pigmentbildenden Zellen der Haut dazu an, mehr Melanin herzustellen. Die Folge: Die Haut wird dunkler.

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

Doch die Wirkung beschränkt sich nicht auf die gewünschte Bräune: "Die Substanz wirkt aber nicht nur in der Haut, sondern auch im Gehirn und kann deshalb unter anderem den Appetit und die sexuelle Erregung beeinflussen", erklärt Zeitlinger.

Der Grund: Melanotan II bindet an unterschiedliche Melanocortin-Rezeptoren im Körper. Während ein Rezeptor für die Pigmentbildung relevant ist, spielen andere Rezeptoren unter anderem bei Hunger und Sättigung eine Rolle. Das erklärt, warum im Netz neben schneller Bräune auch weniger Appetit und eine gesteigerte Libido als vermeintliche Effekte angepriesen werden.

Übelkeit, Schwindel & spontane Erektionen

Die Liste möglicher Nebenwirkungen ist deutlich weniger glamourös: Kurzfristig können laut Zeitlinger unter anderem Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Gesichtsrötung, Schwindel und Appetitverlust auftreten. Bei Männern sind zudem spontane Erektionen möglich, die in seltenen Fällen schmerzhaft und anhaltend sein können. Auch einzelne schwere Komplikationen wie Muskelschädigungen und Nierenprobleme wurden beschrieben.

Markus Zeitlinger, Facharzt für Innere Medizin und Klinische Pharmakologie sowie Klinikvorstand an der MedUni Wien, sieht den Peptid-Trend äußerst kritisch.
feelimage / Matern

Was passiert mit den Muttermalen?

Besonders kritisch beobachtet wird außerdem die Wirkung auf pigmentierte Hautveränderungen. Melanotan II kann bestehende Muttermale rasch dunkler erscheinen lassen oder verändern. Auch neue pigmentierte Stellen können auftreten.

Zwar existieren einzelne Berichte über Melanome nach der Anwendung – einen Beweis dafür, dass Melanotan II selbst Hautkrebs verursacht, liefern diese laut Zeitlinger bislang nicht. Unter anderem deshalb, weil Betroffene teilweise zusätzlich intensive UV-Strahlung oder Solarien nutzten.

Beim Internet-Kauf kommt das nächste Risiko

Noch problematischer wird es, wenn Melanotan II aus nicht kontrollierten Quellen im Internet stammt. Bei solchen Präparaten ist laut Zeitlinger oft unklar, was tatsächlich in der Packung steckt. Wirkstoffmenge, Reinheit und Sterilität sind nicht verlässlich gewährleistet. Damit kommen zu den Risiken der Substanz selbst weitere Gefahren hinzu: falsche Dosierungen, Verunreinigungen, unerwartete Inhaltsstoffe oder Infektionen durch kontaminierte Injektionslösungen.

Im schlimmsten Fall wissen Ärzte bei einer Komplikation nicht einmal sicher, welche Substanz sich der Patient wirklich gespritzt hat.

"Ohnehin skurril"

Gerade auf Social Media kann die Grenze zwischen persönlicher Beauty-Routine und indirekter Werbung verschwimmen. In der Looksmaxxing-Bubble werden Peptide und andere Substanzen teilweise als Werkzeuge zur körperlichen Selbstoptimierung präsentiert. Clavicular, einer der größten Looksmaxxing-Influencer auf TikTok, hat Melanotan II als Teil seines eigenen Regimes öffentlich thematisiert.

Zeitlinger findet für den Trend deutliche Worte: Eine Substanz zu verwenden, die weder ausreichend erprobt sei noch eine garantierte Präparate-Qualität biete, sei "ohnehin skurril". Wenn es dabei lediglich darum gehe, brauner zu werden, könne man das "eigentlich nur mehr als sehr dumm bezeichnen". Sein Rat fällt entsprechend eindeutig aus: Finger weg.

AZ,18.09.2026, 16:44