Ein anstrengender Tag, Druck im Job, Streit seinen Liebsten – und plötzlich steht nicht mehr das Problem im Mittelpunkt, sondern die geöffnete Snack-Schublade: In belastenden Phasen greifen viele Menschen ganz automatisch zu Süßem oder Fettigem. Nicht aus Hunger, sondern aus einem Bedürfnis nach Trost.
Stressessen ist nicht bei jedem Menschen gleich stark ausgeprägt, kommt jedoch aus nachvollziehbaren Gründen häufig vor. Kohlenhydrate und Zucker fördern die Ausschüttung von Serotonin und Dopamin: Dabei handelt es sich um Botenstoffe, die für Wohlbefinden sorgen. Essen "aktiviert all diese Lustzentren im Gehirn", verrät Azzaro. "Es bringt Freude im Moment und funktioniert letztlich als Bewältigungsstrategie."
Hinzu kommt die emotionale Prägung: Süßes war oft Belohnung. Geburtstagskuchen, Feiertagsdesserts oder Trost-Schoki – solche Erinnerungen sind positiv abgespeichert.
So verständlich Stressessen ist – problematisch wird es, wenn es zur Hauptstrategie im Umgang mit Druck wird. Azzaro spricht von einer "schnellen Lösung statt einer langfristigen Veränderung zur Stressbewältigung": Kurzfristig hilft es, langfristig löst es das eigentliche Problem nicht.
Studien zeigen, dass Stress oft mit mehr nährstoffarmen Lebensmitteln und weniger gesunden Optionen einhergeht. Die Ernährungsberaterin beschreibt das als "viel essen, aber dabei unterversorgt bleiben": Der Körper bekommt viele Kalorien, aber zu wenig Vitamine, Ballaststoffe und Proteine. Müdigkeit, Völlegefühl oder Verdauungsprobleme können die Folge sein.
Die gute Nachricht: Der Körper reguliert sich meist wieder, sobald die Essgewohnheiten stabiler werden. Ein paar Schritte können dabei unterstützen.
"Essen ist eine legitime Art, mit Stress umzugehen – und das ist in Ordnung", betont Vincci Tsui, zertifizierte Beraterin für intuitives Essen, gegenüber dem Magazin. Sich zusätzlich zu verurteilen, verstärkt den Stress nur weiter: Wer jedoch merkt, dass Stressessen außer Kontrolle gerät oder in Richtung Fressattacken geht, sollte professionelle Unterstützung in Betracht ziehen.