"Jänner" wird zu "Januar", "Sackerl" zur "Tüte": Immer mehr Kinder in Österreich sprechen anders als ihre Eltern. Besonders in den Schulen fällt dieser Wandel auf. Doch warum verschwindet die vertraute Mundart zunehmend aus dem Alltag?
In der Volksschule Rappottenstein im Bezirk Zwettl gehören beide Sprachwelten zum Alltag. Während im Unterricht überwiegend Standardsprache gesprochen wird, wechseln viele Kinder in der Pause ganz selbstverständlich in ihre Mundart. Besonders dann, wenn sie etwas Persönliches erzählen, kommt der Dialekt zum Vorschein. "Wenn Kinder im Morgenkreis erzählen, sprechen sie eher in Mundart – vor allem, wenn es mit Emotionen, mit Erlebnissen verbunden ist", berichtet Direktorin Cornelia Ledermüller gegenüber dem "Orf".
Noch kommen die meisten Erstklässler mit Dialektkenntnissen in die Schule. Doch die Schulleiterin beobachtet eine Veränderung: Immer mehr Kinder sprechen von Anfang an Hochdeutsch: Manche verwenden sogar typisch bundesdeutsche Ausdrücke, obwohl sie keinerlei familiäre Verbindung zu Deutschland haben.
Eine mögliche Erklärung steckt in der Hosentasche: Während früher vor allem Eltern, Großeltern und Freunde die Sprache prägten, verbringen Kinder heute viel Zeit mit digitalen Inhalten. Sprachheilpädagogin Edith Höllmüller-Bachner sieht insbesondere Smartphones und Tablets als wichtige Einflussfaktoren. Wer regelmäßig Videos deutscher Influencer schaut, übernimmt mitunter deren Aussprache und Wortschatz.
Das bedeutet allerdings nicht, dass digitale Medien automatisch Sprachprobleme verursachen. Entscheidend sind unter anderem die Inhalte, die Nutzungsdauer und wie viel Gelegenheit Kinder haben, selbst mit anderen zu sprechen. Dass der Dialekt die Sprachentwicklung behindern könnte, weist die Expertin zurück. Mundarten besitzen ebenso wie die Standardsprache ein eigenes, vollständiges grammatisches System.
Auch Sprachwissenschafter Manfred Glauninger von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erkennt einen Wandel. Für ihn ist das zunächst nichts Ungewöhnliches: Sprache verändert sich schließlich gemeinsam mit der Gesellschaft. Besonders bei jungen Menschen werden solche Entwicklungen früh sichtbar.
Dabei geht es nicht nur um das gesprochene Wort. Jugendliche kommunizieren heute ständig über Nachrichten, Chats und soziale Netzwerke. Sie lesen und schreiben in einem Ausmaß, das frühere Generationen in dieser Form nicht kannten. Gleichzeitig begegnen ihnen online Menschen aus unterschiedlichsten Sprachräumen. Ein deutscher Influencer kann so den Wortschatz eines Kindes mitprägen, das mitten im Waldviertel aufwächst.
Wie stark die Mundart im Alltag verankert bleibt, hängt allerdings auch davon ab, wo Kinder aufwachsen. In Vorarlberg genießt der Dialekt laut Glauninger einen besonders hohen Stellenwert. In Wien wird Mundart dagegen häufiger kritisch betrachtet. Dieser Einfluss reicht auch in den niederösterreichischen Speckgürtel rund um die Bundeshauptstadt. Im Waldviertel und Weinviertel ist die Situation anders: Dort gehört Dialekt für viele Menschen weiterhin ganz selbstverständlich zum Alltag – auch für junge Generationen.
Wer befürchtet, dass Kinder irgendwann nur noch Hochdeutsch sprechen, kann vorerst aufatmen. Glauninger rechnet nicht damit, dass die österreichischen Mundarten verschwinden. Vielmehr verändern sie sich: Während früher oft schon benachbarte Ortschaften unterschiedlich sprachen, gleichen sich regionale Dialekte heute zunehmend an. Die Unterschiede werden also möglicherweise weniger kleinräumig, ohne dass die Mundart grundsätzlich verloren geht.