Der ORF-Stiftungsrat war in der Vergangenheit kaum groß in der Öffentlichkeit im Rampenlicht. Das hat sich in den vergangenen Monaten seit dem Rauswurf von Roland Weißmann als Generaldirektor massiv geändert.
Ebendieser Rauswurf nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung und der kommunikative Umgang damit hatten für viel Kritik gesorgt. Vor allem Heinz Lederer, der Vorsitzende des Stiftungsrates, und sein Stellvertreter Gregor Schütze standen dabei im Mittelpunkt.
Am Donnerstag werden sie das erneut tun. Denn da tritt das Aufsichtsgremium des Öffentlich-Rechtlichen um 10 Uhr im ORF-Zentrum am Küniglberg zusammen, um den neuen Generaldirektor oder die neue Generaldirektorin ab dem Jahr 2027 zu wählen.
Der Stiftungsrat besteht aus insgesamt 35 Mitgliedern. Sie sind laut Verfassungsgesetz unabhängig und weisungsfrei. Es wäre aber nicht Österreich, würden sie sich in der Praxis nicht – mit wenigen Ausnahmen – in parteipolitischen Fraktionen, den sogenannten "Freundeskreisen", abstimmen.
So können 13 Mitglieder der ÖVP und elf der SPÖ zugeordnet werden. Auf die Neos entfallen drei, auf die FPÖ zwei und auf die Grünen ein Mitglied. Fünf Mitglieder gelten offiziell als unabhängig. Die Regierung verfügt also über 27 Stimmen. Für den Sieg bei der Generaldirektors-Wahl notwendig ist eine einfache Mehrheit. Heißt: 18 Stimmen reichen aus.
Die Beschickung des Gremiums ist streng geregelt. So entsendet die Bundesregierung sechs Vertreter, die Parteien nominieren ebenfalls sechs Mitglieder. Neun Stiftungsräte werden vom Publikumsrat gestellt. Ebenso viele sitzen als Vertreter der Bundesländer im Stiftungsrat. Die übrigen fünf Mitglieder werden vom ORF-Zentralbetriebsrat entsandt.
Neben den bereits erwähnten Vorsitzenden Lederer (Leiter des SPÖ-Freundeskreises) und Schütze (Leiter des ÖVP-Freundeskreises) ist das politisch wohl bekannteste Gesicht Peter Westenthaler. Der frühere FPÖ-Politiker ist auch von den Freiheitlichen entsandt. Er bildet mit Christoph Urtz das blaue Duo im Stiftungsrat.
Für die SPÖ wiederum sitzt als "Promi" der bekannte ORF-Fernseharzt Siegfried Meryn im Gremium. Auf einem roten Ticket des Landes Wien sitzt Norbert Kettner. Er ist Geschäftsführer des Wien Tourismus. Ebenfalls der SPÖ zugeordnet wird Astrid Salmhofer. Sie ist von der Regierung entsandt, war Sprecherin des früheren SPÖ-Bundespräsidenten Heinz Fischer.
Einen "Promi" hat auch das Burgenland, also SPÖ-Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, entsandt: der Komponist, Dirigent und Musikproduzent Christian Kolonovits. Er arbeitete mit allen Größen des Austropop von Fendrich, Ambros und Danzer bis hin zur EAV sowie Seiler & Speer. Aber auch José Carreras zählt zu seiner "Kundenliste". Trotz SPÖ-Nominierung gilt er als unabhängig.
Seitens der ÖVP wiederum stechen zwei Namen hervor. Der eine ist Petra Stolba. Sie ist Geschäftsführerin der Österreich Werbung. Der zweite ist Bernhard Wiesinger. Er ist Leiter der Interessenvertretung des ÖAMTC. Er wurde – wie Meryn – vom Publikumsrat nominiert.
Polit-Insidern bekannt ist wohl auch Alexander Zach. Er war Bundessprecher des Liberalen Forums, saß von 2006 bis 2008 im Nationalrat. Jetzt sitzt er auf einem Ticket der Neos im Stiftungsrat.
Sie alle entscheiden am Donnerstag mit ihren Kollegen, wer den ORF ab 2027 für die nächsten fünf Jahre führen wird. Entschieden sein sollte die Wahl – je nach Hitzigkeit der Sitzung – gegen 16 Uhr.