Ein Kind bekommt ein Blatt Papier und ein paar Buntstifte in die Hand. Wenige Minuten später tummeln sich darauf fantastische Wesen, bunte Welten und Dinge, die es eigentlich gar nicht gibt. Wir Erwachsenen sitzen dagegen oft vor dem leeren Blatt und überlegen erst einmal, ob unsere Idee überhaupt gut genug ist.
Kinder gelten schließlich als wahre Meister der Fantasie – doch stimmt es wirklich, dass wir mit zunehmendem Alter unsere Kreativität verlieren? Eine neue Studie der Universität Graz stellt diese weitverbreitete Annahme jetzt überraschend auf den Kopf.
Ein internationales Forschungsteam um Kreativitätsforscher Mathias Benedek von der Universität Graz wollte herausfinden, wer tatsächlich kreativer ist: Kinder oder Erwachsene. Dafür stellten die Wissenschaftler 92 Vorschulkinder und 70 Erwachsene vor dieselben Herausforderungen. Innerhalb von drei Minuten sollten sie sich möglichst ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten für eine Blechdose überlegen. Anschließend durften sie ein Fantasietier zeichnen und ihrer Kreativität auf einem weißen Blatt Papier freien Lauf lassen.
Die entstandenen Ideen und Zeichnungen wurden von unabhängigen Gutachtern bewertet, die nicht wussten, ob sie von Kindern oder Erwachsenen stammten. Das überraschende Ergebnis: Die Erwachsenen schnitten insgesamt besser ab. Ihre Einfälle wurden als origineller, kreativer und zweckmäßiger eingestuft.
Besonders spannend war für die Forscher, dass Erwachsene nicht nur praktischere, sondern auch ungewöhnlichere Ideen entwickelten. Während viele Kinder beispielsweise Fantasietiere zeichneten, die an Einhörner erinnerten, erfanden Erwachsene teils völlig neuartige Wesen. Doch warum halten wir Kinder dann für so viel kreativer?
Die Antwort könnte weniger mit ihren tatsächlichen Ideen als mit ihrer Begeisterung zu tun haben. Denn während die Erwachsenen bei den Aufgaben besser abschnitten, hatten die Kinder deutlich mehr Spaß daran.
Nach den Aufgaben sollten die Teilnehmer einschätzen, wie viel Freude sie empfunden hatten, wie sehr sie ihren Fähigkeiten vertrauten und ob sie Angst vor dem Scheitern hatten. Hier lagen die Kinder klar vorn: Sie waren motivierter, selbstbewusster und machten sich weniger Sorgen, etwas falsch zu machen. Die Erwachsenen hingegen zweifelten häufiger an sich selbst und fürchteten eher, von anderen negativ beurteilt zu werden.
"Erwachsenen ist es wichtiger, wie andere ihre Ideen beurteilen könnten", erklärt Studienleiter Mathias Benedek. Diese ständige Selbstkontrolle könne den freien Fluss neuer Ideen bremsen. Besonders bemerkenswert: Mehr als drei Viertel der Erwachsenen hielten die Kinder für kreativer, obwohl die Untersuchung das Gegenteil zeigte.
Ein weiterer Unterschied zeigte sich beim Umgang mit kreativen Aufgaben. Während Erwachsene lieber auf ein konkretes Ziel hinarbeiteten, hatten die Kinder besonders viel Freude daran, einfach draufloszulegen. Auch im Alltag beschäftigten sich die Vorschulkinder nach eigenen Angaben deutlich häufiger kreativ: etwa einmal täglich, während Erwachsene solche Tätigkeiten nur ungefähr einmal pro Woche nannten.
Die Studie legt damit nahe, dass wir unsere Kreativität im Erwachsenenalter nicht zwangsläufig verlieren. Vielmehr könnten Selbstzweifel und die Angst vor Bewertungen verhindern, dass wir sie unbeschwert ausleben.