Es beginnt oft schleichend – und wird irgendwann zum Dauerstress: ständiger Harndrang, unruhige Nächte und das Gefühl, keinen Moment mehr entspannt außer Haus sein zu können. Viele Betroffene planen ihren Alltag nur noch nach Toiletten, vermeiden längere Autofahrten oder verzichten auf Einladungen, weil die Angst vor einem "Unfall" zu groß ist.
Wenn Harndrang zur Qual wird, suchen viele irgendwann nach einer Lösung, die wirklich hilft. Und da fällt immer öfter ein Begriff, den man eher aus der Beauty-Welt kennt: Botox. Doch in der Urologie hat die Behandlung nichts mit Falten zu tun. "Die Blase wird ruhiger, kann sich besser füllen, und der Harndrang tritt später, seltener und weniger heftig auf", erklärt Urologe Maxim Kochergin gegenüber "Heute".
Der Arzt der MedUni Wien erklärt den Mechanismus so: "Botox wirkt direkt an den Nerven in der Blasenwand. Es hemmt die Freisetzung des Botenstoffs Acetylcholin, der für die Aktivierung des Blasenmuskels verantwortlich ist."
Das hat gleich zwei Effekte: "Dadurch werden sowohl die Nerven, die den Harndrang melden, als auch die unwillkürlichen Muskelkontraktionen gedämpft." Für Betroffene bedeutet das weniger Stress, weniger Kontrollverlust – und endlich wieder Ruhe im Alltag. Vor allem bei Dranginkontinenz kann das enorm helfen: "Gerade bei Dranginkontinenz führt das oft zu einer deutlichen Entlastung im Alltag."
Am häufigsten kommt die Therapie bei Menschen mit einer überaktiven Blase zum Einsatz, auch bekannt als Reizblase. Der Arzt sagt dazu: "Diese Patienten verspüren einen starken, oft plötzlich einsetzenden Harndrang, tagsüber wie nachts, und verlieren dabei nicht selten ungewollt Urin."
Auch bei neurologischen Ursachen zeigt die Behandlung gute Ergebnisse: "Sehr gute Erfahrungen gibt es auch bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder Querschnittlähmung." In solchen Fällen spricht man von einer neurogenen überaktiven Blase – "bei dem Botox ebenfalls eine etablierte und wirksame Therapie darstellt."
„Nicht geeignet ist sie für Patienten mit einer bereits deutlich geschwächten Blasenentleerung.“Maxim KocherginUrologe am AKH der MedUni Wien
Doch nicht jede Person ist geeignet – das muss ärztlich geprüft werden: "Nicht geeignet ist sie für Patienten mit einer bereits deutlich geschwächten Blasenentleerung", so Kochergin, ebenso nicht "bei bestimmten neurologischen Erkrankungen oder wenn eine Katheterisierung im Notfall nicht möglich ist."
Bei Botox denken viele sofort an Social Media und Schönheitseingriffe, doch hier ist es anders: "Im Gegensatz zur ästhetischen Medizin kann man hier nicht von einem Trend sprechen", stellt der Urologe klar. Der Grund: "Die meisten Patienten haben bereits einen längeren Leidensweg hinter sich, bevor sie sich für Botox entscheiden."
Denn: "Es ist ein minimal-invasiver Eingriff, der regelmäßig wiederholt werden muss – diese Hürde nehmen viele erst, wenn andere Therapien nicht ausreichend geholfen haben." Gleichzeitig zeigt die Erfahrung: "Wenn die Wirkung jedoch gut ist, entsteht durchaus eine gewisse Nachfrage, weil sich die Beschwerden deutlich bessern und Tabletten oft nicht mehr notwendig sind."
Wer zum Urologen kommt, wünscht sich vor allem eines: endlich wieder Kontrolle. Kochergin beschreibt das so: "Die Erwartungen sind meist sehr klar: weniger Harndrang, weniger oder keine Inkontinenz, besserer Schlaf und mehr Sicherheit im Alltag." Und weiter: "Viele möchten wieder unbeschwert am sozialen Leben teilnehmen können, ohne ständig eine Toilette einplanen zu müssen."
Wichtig ist aber auch eine realistische Erwartung: "Blasen-Botox lindert die Symptome sehr effektiv, heilt jedoch nicht die zugrunde liegende Erkrankung."