In den vergangenen Jahren ist das Lipödem, eine genetisch bedingte Fettverteilungsstörung an den Extremitäten, von einer wenig beachteten Krankheit zu einem Internet-Phänomen geworden. Mehr als 100.000 Beiträge findet man auf TikTok, wenn man den Begriff "Lipödem" in die Suchleiste tippt. In vielen der Videos geht es um Anzeichen, an denen man erkennen soll, ob man selbst betroffen ist. Lymphologin Andrea Braun erklärt, warum das problematisch ist.
"Beim Lipödem besteht ein Missverhältnis zwischen Körperstamm und den Extremitäten", erläutert die Ärztin im "20 Minuten"-Interview. Durch die Fettverteilungsstörung sind die Beine und teils auch Arme deutlich dicker als der Torso und passen nicht zueinander. Oft äußert sich die Erkrankung durch starke Schmerzen und einer erhöhten Druckempfindlichkeit. Außerdem neigen die Betroffenen zu blauen Flecken.
Die Veranlagung zur Krankheit ist angeboren. "Ausgelöst wird sie durch hormonelle Veränderungen, etwa in der Pubertät, während einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren", verrät Braun. Aufgrund des hormonellen Musters sind fast ausschließlich Frauen von der Fettverteilungsstörung betroffen. Schätzungen zufolge sind etwa 10 Prozent der weiblichen Bevölkerung betroffen. "Die Anzahl der betroffenen Männer ist hingegen verschwindend gering", so die Lymphologin.
Die Ärztin hat eine klare Meinung zu den unzähligen Clips, die sich im Netz mit dem Thema befassen: "Das ist furchtbar." Es sei zwar wichtig, dass Frauen darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Krankheit existiert, doch "durch die Selbstdiagnosen sind aber auch adipöse Personen verleitet, ihr Übergewicht auf ein Lipödem zu schieben. In den vergangenen Jahren sind vermehrt Personen zu uns in die Praxis gekommen, die so argumentiert haben. Das ist nicht der richtige Weg", sagt Braun.
Durch die aktuell populären Abnehmspritzen, wie Wegovy, Saxenda oder Ozempic, entsteht ein gegenteiliges Problem, das laut der Ärztin bereits spürbar ist. Personen, die tatsächlich unter der Fettverteilungsstörung leiden, versuchen durch die Spritzen Gewicht zu verlieren und das Lipödem damit zu beseitigen.
"Wer Gewicht verliert, nimmt zwar im Bereich der Lipödemzonen auch ab, aber eben auch überall sonst. Das heißt, die Beine bleiben im gleichen Verhältnis wie zuvor dicker als der restliche Körper, während etwa das Gesicht bereits total eingefallen wirkt." Dazu merkt die Lymphologin an: "Kommt es im Anschluss wieder zur Gewichtszunahme, hat sich im Praxisalltag häufig gezeigt, dass es bei Lipödempatienten zur Verstärkung der Lipödemzonen kommt."
Auf Social Media wirkt das Lipödem beinahe wie eine Trenddiagnose. Laut der Ärztin täuscht der Eindruck: "Das Lipödem kommt heute nicht häufiger vor als damals." Dafür sei man wach geworden. "Erst seit Ende der 50er-Jahre ist das Lipödem überhaupt als Krankheit anerkannt. Viele stoßen heute durch Recherche im Internet auf Personen mit ähnlichen Symptomen wie sie selbst", erläutert Braun gegenüber "20 Minuten".
"Aktuell gibt es drei Möglichkeiten, ein Lipödem zu behandeln", so die Ärztin. "Einerseits gibt es die konservative Behandlung: lebenslange Lymphdrainage in Kombination mit einer speziellen Kompressionsversorgung."
Andererseits besteht die Möglichkeit einer Fettabsaugung: "Haben betroffene Personen nach einem Jahr der konservativen Behandlung immer noch dieselben Beschwerden, können sie durch ihren behandelnden Arzt einen Antrag auf Kostengutsprache bei der Versicherung stellen lassen – in der Regel wird die Operation dann übernommen", erklärt die Lymphologin. "Wer nicht so lange warten möchte, kann die OP direkt durchführen lassen, muss die Kosten allerdings selbst tragen. Diese sind variabel und richten sich nach Anzahl und Ausmaß der betroffenen Zonen", so Braun schließlich.