Du sitzt in der Mittagspause allein vor deinem Teller, nebenbei wandert der Blick aufs Handy. Eigentlich nichts Besonderes – und doch könnte deinem Körper dabei etwas fehlen, das gar nicht auf dem Teller liegt: Gesellschaft. Eine neue Studie zeigt nämlich, dass nicht nur entscheidend sein könnte, was wir essen. Auch die Person neben uns scheint beeinflussen zu können, wie unser Körper auf eine Mahlzeit reagiert.
Forschende der Hebrew University of Jerusalem und des Sheba Medical Center wollten herausfinden, ob soziale Nähe sogar körperliche Prozesse beeinflusst, die normalerweise völlig automatisch ablaufen.
Für das Blutzucker-Experiment wurden Daten von 108 gesunden Erwachsenen ausgewertet. Alle lebten in einer festen heterosexuellen Beziehung von mindestens neun Monaten Dauer und hatten weder Prädiabetes noch Diabetes. Die Versuchspersonen bekamen 102 Gramm Weißbrot mit insgesamt 50 Gramm verwertbaren Kohlenhydraten. Danach wurde ihre Blutzuckerreaktion über zwei Stunden verfolgt.
Der entscheidende Unterschied: Die gleiche Herausforderung absolvierten die Teilnehmer einmal allein und einmal in Anwesenheit ihres Partners oder ihrer Partnerin.
Normalerweise steigt nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit der Blutzucker. Der Körper muss darauf reagieren und ihn anschließend wieder regulieren. Hier zeigte sich im Versuch ein bemerkenswerter Unterschied.
War der Partner anwesend, fiel der Anstieg geringer aus und der Blutzucker kehrte schneller wieder in Richtung Ausgangswert zurück. Über den gesamten Messzeitraum lag die sogenannte Blutzuckerreaktion innerhalb derselben Personen in Gesellschaft im Mittel um 14,55 Prozent niedriger als beim Alleinsein. Das Spannende daran: Das Brot blieb dasselbe. Die Menge blieb dieselbe. Verändert hatte sich lediglich die soziale Situation.
Vielleicht denkst du jetzt: Klar, mit einem geliebten Menschen fühlt man sich entspannter – also reagiert auch der Körper gelassener. Ganz so einfach scheint die Erklärung allerdings nicht zu sein. Die Forschenden untersuchten auch, ob Stressreduktion oder körperliche Berührungen den beobachteten Effekt erklären könnten. Das Ergebnis: Weder Stress noch Berührung reichten als Erklärung aus. Die Studie liefert damit Hinweise darauf, dass bereits soziale Nähe selbst mit einer effizienteren körperlichen Regulation zusammenhängen könnte.
Studienautorin Shir Atzil spricht deshalb von "Social Physiology", also sozialer Physiologie: Dahinter steckt die Idee, dass der menschliche Körper seine innere Balance möglicherweise nicht so isoliert reguliert, wie lange angenommen wurde.
Der Effekt zeigte sich nicht nur beim Essen: In einem weiteren Experiment verbrachten die Testpersonen fünf Minuten in einem zwölf Grad kalten Raum. War der Partner oder die Partnerin dabei, fiel die körperliche Reaktion auf die Kälte geringer aus und die Temperaturregulation verlief effizienter.
Ein ähnliches Bild zeigte sich bei einem Stressversuch mit einem kurzen milden elektrischen Reiz: Auch hier reagierte der Körper in Anwesenheit einer vertrauten Person weniger stark. Selbst bei Säuglingen fanden die Forschenden Hinweise auf diesen Effekt, wenn die Mutter anwesend war. Für das Forschungsteam spricht das dafür, dass soziale Nähe verschiedene Regulationssysteme unseres Körpers beeinflussen könnte – und nicht nur dafür sorgt, dass wir uns subjektiv wohler fühlen.
Für die Studienautoren spricht das dafür, dass soziale Nähe auf mehrere Systeme unseres Körpers wirken könnte – und nicht nur darauf, ob wir uns subjektiv wohler fühlen.