Das sagen Ärzte dazu

Kann Botox wirklich gegen Depressionen helfen?

Botox kennt man eigentlich nur aus der Schönheitsmedizin. Jetzt untersuchen Forscher plötzlich auch mögliche Effekte auf die Psyche.
Heute Life
22.05.2026, 12:48
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Ein kleiner Stich gegen Falten – und plötzlich vielleicht auch gegen schlechte Stimmung? Was lange nach einem Social-Media-Mythos klang, wird mittlerweile tatsächlich wissenschaftlich untersucht. Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass Botox nicht nur das Gesicht glätten, sondern unter Umständen auch die Psyche beeinflussen könnte. Vor allem in den USA wird Botulinumtoxin bereits als mögliche Zusatzbehandlung bei leichten Depressionen diskutiert. Experten mahnen allerdings gleichzeitig zur Vorsicht.

Wie Botox angeblich die Stimmung beeinflusst

Botox wird normalerweise eingesetzt, um bestimmte Gesichtsmuskeln zu entspannen – etwa die sogenannte Zornesfalte zwischen den Augenbrauen. Genau dort sehen Forscher mittlerweile offenbar mehr Potenzial als nur einen Anti-Aging-Effekt.

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Dermatologin Mirina Hanson erklärt gegenüber dem Magazin "Byrdie", dass Studien Hinweise darauf liefern, dass Botox-Injektionen in die Stirnregion die Stimmung positiv beeinflussen könnten. Der Gedanke dahinter: Wer weniger angespannt oder traurig aussieht, fühlt sich unter Umständen auch emotional anders. Denn unsere Gesichtsmuskulatur scheint stärker mit der Psyche verbunden zu sein, als lange angenommen wurde.

Die Mimik beeinflusst offenbar die Gefühle

Auch Erich Seifritz, Leiter der Erwachsenenpsychiatrie an der Universitätsklinik Zürich, bestätigt gegenüber "20 Minuten", dass klinische Studien bereits einen leichten antidepressiven Effekt gezeigt hätten. Allerdings wurden bisher nur kleinere Gruppen und mildere Depressionsformen untersucht. Seifritz erklärt weiter: "Experimentelle psychologische Experimente zeigen, dass die Mimik eine direkte Wirkung auf die Stimmung hat. Mit Botox können diejenigen Gesichtsmuskeln gezielt entspannt werden, welche bei depressiven Menschen übermäßig aktiv sind."

Dabei geht es vor allem um die sogenannte "Facial-Feedback-Theorie". Sie besagt: Gesichtsausdrücke beeinflussen nicht nur, wie wir wirken – sondern auch, wie wir uns fühlen. Wer ständig angespannt schaut oder die Stirn zusammenzieht, sendet dem Gehirn offenbar dauerhaft bestimmte emotionale Signale. Botox könnte diese Muskelaktivität reduzieren.

Wenn Schönheit zur Belastung wird

Der Psychiater warnt aber auch: Wer aus Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen ständig an sich herumschraubt, kann in eine krankhafte Störung abrutschen. "Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen kann ein krankhaftes Ausmaß annehmen und sich zu einer sogenannten körperdysmorphen Störung entwickeln. Betroffene beschäftigen sich dann übermäßig stark mit vermeintlichen Makeln an ihrem Aussehen."

Die aktuelle Studienlage

Forschende beschäftigen sich schon länger mit dem möglichen Zusammenhang zwischen Botox und Depressionen. Eine Metastudie aus dem Jahr 2021 zeigte, dass Patienten nach Botox-Behandlungen teils stärkere Verbesserungen ihrer depressiven Symptome hatten als Personen, die ein Placebo erhielten. MRT-Untersuchungen deuteten außerdem darauf hin, dass Botox die Amygdala beeinflussen könnte – also jene Gehirnregion, die für Emotionen zuständig ist.

Auch eine Review aus Bern von 2017 kam zum Schluss, dass Botox bei manchen depressiven Patienten über mehrere Monate hinweg positive Effekte gezeigt habe. Als mögliche Erklärung gilt, dass entspannte "Sorgenmuskeln" negative Emotionen abschwächen könnten. Experten betonen allerdings weiterhin, dass die bisherigen Studien noch zu klein und methodisch eingeschränkt seien, um Botox als etablierte Therapie gegen Depressionen anzusehen.

Auch die Außenwirkung verändert sich

Ärzte beobachten, dass Menschen mit entspannterer Mimik häufig freundlicher oder zugänglicher wirken. Genau das könne wiederum soziale Kontakte positiv beeinflussen.

Dermatologin Sabine Kurzidem erklärt im "20 Minuten"-Interview, dass Patienten nach Botox-Behandlungen teilweise berichten würden, wie gut ihnen die Veränderung getan habe. Weniger strenge Gesichtszüge könnten durchaus Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben. Auch plastische Chirurgen und Dermatologen hören mittlerweile häufiger von möglichen psychischen Effekten ästhetischer Behandlungen.

Experten warnen vor Social-Media-Hype

Trotzdem warnen Fachleute davor, Botox plötzlich als Therapie gegen Depressionen darzustellen. Besonders in den sozialen Medien würden komplexe medizinische Themen oft massiv vereinfacht werden: "Bei TikTok und Instagram verbreiten sich solche Trends sehr schnell – ich gehe davon aus, dass mir in Zukunft Anfragen zur Behandlung von Depressionen mit Botulinumtoxin begegnen werden", so Tatjana Lanaras, plastische Chirurgin, gegenüber "20 Minuten".

Dermatologin Sabine Kurzidem ergänzt: "Auf Social Media werden komplexe medizinische Themen stark vereinfacht dargestellt – aus 'Erste Studien zeigen einen möglichen Effekt' wird rasch 'Botox hilft gegen Depressionen'. Aber ein ästhetischer Eingriff ist nicht die Lösung für ein tiefer liegendes, psychologisches Problem."

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 22.05.2026, 12:51, 22.05.2026, 12:48
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