Du ziehst den dicken Wintermantel über, wickelst dir den Schal um den Hals und schulterst eine schwere Tasche – und plötzlich meldet sich der Rücken, kurz darauf der Nacken. Dabei handelt es sich um keinen Zufall: Im Winter tragen sich die dicken Kleidungsstücke nicht immer einfach.
Zürcher Physiotherapeut Amel Ribanovic sieht schwere Mäntel als eine Art Belastungstest für unseren Bewegungsapparat. Sie zeigen auf, wie fit Rücken, Muskeln und das Nervensystem wirklich sind: "So werden vorhandene muskuläre Defizite, Ermüdung oder Bewegungsmangel sichtbar – die Kleidung kann aber nicht automatisch Schaden verursachen", stellt Ribanovic gegenüber "20 Minuten" klar.
Unser Körper ist eigentlich dafür gebaut, zusätzliche Lasten zu tragen: "Die Wirbelsäule ist ein hochbelastbares System, solange Muskulatur, Koordination und Belastungstoleranz ausreichend vorhanden sind", so der Physiotherapeut. Entscheidend ist immer das Verhältnis zwischen Gewicht und eigener Belastbarkeit.
Das bedeutet: "Ein körperlich aktiver Mensch mit guter Rumpfkraft kann mehrere Kilogramm problemlos tragen, während bei einer untrainierten Person oder bei bestehenden Beschwerden bereits geringere Zusatzlasten Symptome auslösen können." Schmerz ist laut Ribanovic kein verlässlicher Hinweis auf einen Schaden am Körper, sondern vielmehr "ein Signal für Überlastung".
Menschen, die schon Rücken- oder Nackenprobleme haben, viel sitzen, wenig Bewegung machen oder gerade eine Verletzung hinter sich haben, reagieren besonders sensibel. "Auch Menschen mit chronischer Müdigkeit oder Stress weisen häufig eine reduzierte muskuläre Belastbarkeit auf – was Beschwerden begünstigt", meint Ribanovic.
Wenn du dich von deinem Mantel erdrückt fühlst, solltest du darauf achten, das Gewicht gut zu verteilen. "Ein schlecht sitzender Mantel, der nach vorn oder zur Seite zieht, verändert den Körperschwerpunkt und erhöht die Belastung deutlich", warnt der Experte. Auch einseitig getragene Taschen, schwere Handtaschen oder Rucksäcke können die Wirbelsäule zusätzlich belasten. Wichtig ist auch, wie lange du die schwere Kleidung trägst: "Kurzzeitiges Tragen ist meist unproblematisch, stundenlanges Tragen hingegen nicht."
Die Lösung ist nicht, auf Wärme zu verzichten, sondern sich clever zu kleiden: "Das Schichtenprinzip mit mehreren leichten Lagen, moderne isolierende Materialien sowie gut geschnittene Mäntel mit gleichmäßiger Gewichtsverteilung reduzieren die Belastung deutlich."
Bei Schmerzen solltest du zuerst das Gewicht verringern und die Tragedauer verkürzen. Der Experte empfiehlt schließlich, sich im Zweifel eine fachliche Meinung zu holen.