Der erste Bissen ist noch harmlos, beim zweiten beginnt es zu kribbeln und kurz darauf läuft die Nase, die Stirn wird feucht und der Mund scheint zu brennen. Für die einen ist genau das ein kulinarischer Genuss, für die anderen der reinste Albtraum. Doch was passiert eigentlich im Körper, wenn wir scharf essen?
Was viele nicht wissen: Schärfe zählt streng genommen gar nicht zu den klassischen Geschmacksrichtungen wie süß, sauer, salzig, bitter oder umami. Stattdessen handelt es sich um eine Schmerzreaktion des Körpers.
Verantwortlich dafür sind sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe. Dazu gehören etwa Capsaicin in Chili und Paprika, Piperin in Pfeffer, Gingerol in Ingwer, Allicin in Knoblauch oder Glucosinolate in Senf, Rettich, Kresse und Radieschen. Diese Stoffe reizen spezielle Schmerzrezeptoren auf der Zunge und den Schleimhäuten. Das Gehirn registriert daraufhin Hitze, obwohl die Speise in Wirklichkeit gar nicht heißer ist. Für die Pflanzen selbst ist das ein cleverer Schutzmechanismus: Viele Fressfeinde verlieren durch die Schärfe schnell den Appetit.
Sobald die Schärfe ihre Wirkung entfaltet, startet der Körper ein regelrechtes Notfallprogramm. Die Blutgefäße weiten sich, die Durchblutung nimmt zu und der Kreislauf kommt in Schwung. Gleichzeitig beginnt der Körper zu schwitzen, um sich vermeintlich abzukühlen.
Auch die Verdauung wird angeregt und bei einer verstopften Nase kann scharfes Essen kurzfristig Erleichterung verschaffen. Durch die bessere Durchblutung der Schleimhäute lässt sich das Nasensekret leichter lösen – weshalb viele bei einer Erkältung gerne zu scharfen Speisen greifen.
Wer regelmäßig scharf isst, kennt das Gefühl: Nach dem anfänglichen Brennen stellt sich oft ein regelrechter Glücksmoment ein. Der Grund dafür liegt im Gehirn. Da Schärfe als Schmerzreiz wahrgenommen wird, schüttet der Körper Endorphine aus, also körpereigene Glückshormone, die Schmerzen lindern sollen. Gleichzeitig kann auch der Dopaminspiegel steigen. Fachleute sprechen deshalb vom sogenannten "Pepper High" – einem kurzen Gefühl von Euphorie oder Wohlbefinden nach besonders scharfem Essen.
Genau dieser Effekt dürfte einer der Gründe sein, warum viele Menschen immer wieder freiwillig zu Chili, Pfeffer oder scharfen Saucen greifen.
Immer wieder heißt es, Chili sei ein natürliches Antibiotikum. Tatsächlich besitzen Stoffe wie Capsaicin oder Allicin im Labor antibakterielle, antivirale oder pilzhemmende Eigenschaften.
Das bedeutet allerdings nicht, dass eine scharfe Mahlzeit Krankheitserreger im menschlichen Körper einfach abtötet. Die Mengen, die üblicherweise gegessen werden, reichen dafür nicht aus. Scharfes Essen kann Beschwerden wie eine verstopfte Nase zwar lindern, ersetzt aber keine medizinische Behandlung.
So gesund scharfe Gewürze in normalen Mengen sein können – ein Zuviel kann dem Körper schaden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt insbesondere vor extrem scharfen Chiliextrakten, konzentrierten Saucen oder sogenannten Scharfess-Wettbewerben.
Wer große Mengen Capsaicin zu sich nimmt, riskiert unter anderem Schleimhautreizungen, Übelkeit, Erbrechen und einen gefährlichen Blutdruckanstieg. In schweren Fällen können sogenannte Bluthochdruckkrisen auftreten, die medizinisch behandelt werden müssen. Besonders empfindlich reagieren Kinder: Scharfe Chili-Produkte sollten deshalb stets außer Reichweite aufbewahrt werden.
Klingt widersprüchlich, hat aber einen wahren Kern. Scharfes Essen bringt den Körper zum Schwitzen und erweitert die Blutgefäße. Dadurch wird die körpereigene Kühlung unterstützt. An warmen Tagen kann das tatsächlich für ein etwas frischeres Gefühl sorgen.
Wunder sollte man allerdings nicht erwarten: Wer ohnehin stark schwitzt oder sich in großer Hitze aufhält, wird durch noch mehr Schweiß kaum zusätzlich abgekühlt. In Maßen genossen kann Chili dennoch eine überraschend angenehme Wirkung entfalten, solange aus der angenehmen Schärfe kein schmerzhaftes Feuerwerk wird.