Ingwer, Zitrone, Vitamin C

"Kein Turbo-Knopf!" – Expertin entlarvt Immun-Mythen

Vitamin C als Schutzschild, Ingwer als Wunderwaffe: In der Erkältungszeit wird tief in die Trickkiste gegriffen. Aber bringt das überhaupt etwas?
11.10.2026, 06:47
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Draußen wird es kälter, drinnen dampft die heiße Zitrone und im Kühlschrank wartet der nächste Ingwer-Shot. Die Erkältungssaison ist eröffnet – und mit ihr haben auch zahlreiche Gesundheitsmythen wieder Hochsaison. Schließlich möchte niemand krank im Bett liegen, wenn sich Schnupfen, Husten und Fieber mit ein paar einfachen Tricks vermeiden lassen könnten.

Doch wie viel Wahrheit steckt tatsächlich hinter den vermeintlichen Wundermitteln? Und lässt sich unser Immunsystem überhaupt auf Knopfdruck stärken? Mag. pharm. Tina Werner, Pharmazeutin und Mikronährstoffexpertin bei Pure Encapsulations räumt im "Heute"-Gespräch mit den größten Irrtümern auf.

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Kann Vitamin C Erkältungen verhindern?

Ein Glas Orangensaft am Morgen und Erkältungsviren haben keine Chance? Ganz so einfach ist es nicht: "Es ist ein sehr hartnäckiger Gesundheits-Mythos, der sich hält und immer wieder und wie die Erkältung auch immer wieder kommt", erklärt Werner.

Ihre Botschaft ist eindeutig: "Vitamin C kann Erkältung nicht zuverlässig verhindern." Allerdings steckt in dem Mythos ein wahrer Kern. Eine große Untersuchung mit rund 11.000 Teilnehmern hätten gezeigt, dass eine regelmäßige Einnahme die Dauer und Schwere einer Erkältung tendenziell reduzieren kann. "Das Immunsystem braucht Vitamin C, um funktionieren zu können", betont die Expertin. Einen garantierten Schutz vor Viren bietet das Vitamin allerdings nicht.

"Es gibt keinen Turbo-Knopf!"

Ob Superfood, Nahrungsergänzungsmittel oder Immun-Drink: Zahlreiche Produkte versprechen, die Abwehrkräfte ordentlich anzukurbeln. Doch Werner hält wenig von solchen Werbeversprechen. "Aus meiner Sicht ist das Wort 'boosten' problematisch – es gibt keinen 'Turbo'-Knopf!", stellt sie klar. Schließlich sei das Immunsystem ein fein abgestimmtes System, das angemessen reagieren müsse. Eine überaktive Immunabwehr sei keineswegs erstrebenswert.

Statt auf einzelne Wundermittel zu setzen, empfiehlt Werner einen gesunden Lebensstil: "Schlaf ist ein ganz wichtiges Thema, Stressmanagement und die Ernährung natürlich auch."

Diese Nährstoffe werden oft vergessen

Vitamin C und Zink gelten als die Klassiker für starke Abwehrkräfte. Doch laut Werner spielen auch Eisen, Vitamin B6, Vitamin B12, Folsäure und Vitamin A eine wichtige Rolle. Besonders Haut und Schleimhäute seien entscheidend, da sie unsere erste Schutzbarriere gegen Krankheitserreger bilden. "Es gibt nicht den einen Immun-Nährstoff, den man in hohen Mengen supplementieren muss", erklärt die Pharmazeutin. Vielmehr komme es auf eine ausgewogene Versorgung mit unterschiedlichen Nährstoffen an.

Ingwer-Shots: Mehr Schein als Sein?

Sie sind klein, scharf und versprechen einen ordentlichen Gesundheitskick. Doch können Ingwer-Shots tatsächlich vor Erkältungen schützen? "Es werden immer oft spektakuläre Effekte aufs Immunsystem beworben – das ist aber wissenschaftlich nicht evident", warnt die Pharmazeutin. Zwar enthalte Ingwer wertvolle bioaktive Pflanzenstoffe, ein nachgewiesener Schutz vor Erkältungen lasse sich daraus aber nicht ableiten.

Auch bei fertigen Immun-Drinks empfiehlt sie einen Blick auf die Inhaltsstoffe. Schließlich könne sich darin auch jede Menge Zucker verstecken.

Und die beliebte heiße Zitrone? "Man weiß, dass Vitamin C eigentlich auch hitzeempfindlich ist", erklärt die Expertin. Ihr Fazit: Ein Shot könne ein Baustein der Ernährung sein, eine Erkältung aber nicht verhindern.

Macht Kälte wirklich krank?

Ohne Jacke vor die Tür und schon ist die Erkältung vorprogrammiert? Auch dieser Mythos hält sich hartnäckig: "Die Kälte ist kein Krankheitserreger", stellt Werner klar. Erkältungen werden durch Viren ausgelöst. Allerdings könne die kalte Jahreszeit Infektionen begünstigen. Der Grund: Menschen verbringen mehr Zeit in geschlossenen Räumen, haben engeren Kontakt und trockene Heizungsluft beeinträchtigt die Schutzfunktion der Schleimhäute.

Wann Vitamine wirklich sinnvoll sind

Anhaltende Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, häufige Infekte oder Veränderungen an Haaren und Nägeln können Hinweise auf einen Nährstoffmangel sein. Allerdings seien diese Beschwerden laut Werner sehr unspezifisch. Wer einen Mangel vermutet, sollte deshalb nicht wahllos zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen, sondern mögliche Ursachen ärztlich abklären lassen.

Ein Wundermittel für das Immunsystem gibt es nicht. Wer seine Abwehr unterstützen möchte, sollte vor allem auf ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung und eine abwechslungsreiche Ernährung setzen.

red,AZ,11.10.2026, 06:47