Zwischen sanften Hügeln wachsen Weinreben, Rosen blühen und in der Ferne thront die Burg Liechtenstein. Wer über den Rauchkogel in Maria Enzersdorf (NÖ) spaziert, würde wohl kaum vermuten, dass sich hier auch ein Friedhof befindet. Doch das macht diesen Ort so besonders: Statt Grabsteinen und Grablaternen prägen Rebstöcke und Blumen das Bild.
Im Gespräch mit "Heute" erzählt David Wagner von Bestattung Himmelblau, warum sich immer mehr Menschen einen solchen Abschied wünschen – und was mit den Trauben passiert, die hier wachsen.
Ein Friedhof muss nicht immer zwischen Mauern und Grabsteinen liegen. Laut Wagner wünscht sich mittlerweile knapp ein Drittel der Österreicher eine Naturbestattung, doch nicht jeder fühlt sich auf einer Waldlichtung oder Wiese wohl: "Wir erleben in unseren Beratungsgesprächen immer wieder Menschen, die sich bewusst eine Naturbestattung wünschen, sich im Wald aber nicht wirklich wiederfinden", erklärt Wagner, der den Naturfriedhof Rauchkogel in Maria Enzersdorf verantwortet.
In einer Weinregion könne eine Rebe Erinnerungen an das eigene Leben wecken – an gemeinsame Stunden beim Heurigen, Familienfeste oder die Arbeit im Weingarten. Andere finden Trost im Rosenhain, wo die Blumen jedes Jahr erneut blühen.
Das Konzept ist ungewöhnlich, aber einfach: Nach der Einäscherung wird die Asche in einer biologisch abbaubaren Urne bei den Wurzeln einer Weinrebe oder eines Rosenstocks beigesetzt. Bis zu zwei Urnen finden dort Platz, bei Familienreben und Familienrosen sind es bis zu sechs. Auch anonyme Beisetzungen sind möglich, für Sternenkinder gibt es einen eigenen geschützten Bereich.
Anders als auf klassischen Friedhöfen müssen Angehörige hier weder Blumen gießen noch Gräber pflegen. Das übernimmt ein Fachbetrieb beziehungsweise die Natur selbst. Grabsteine, Kreuze und dauerhafter Grabschmuck sind nicht vorgesehen. Nur dezente Namensplaketten erinnern an die Verstorbenen.
Was Wagner besonders wichtig ist: Der Rauchkogel soll kein abgeschiedener Ort sein, den Angehörige nur zu Allerheiligen besuchen: "Ich glaube, ein Friedhof muss nicht nur ein Ort der Trauer sein. Er kann auch ein Ort der Erinnerung sein, an dem man gerne ist", sagt er gegenüber "Heute".
Hier treiben die Reben im Frühling aus, im Sommer wachsen Trauben und im Herbst wird geerntet. Auch Spaziergänger dürfen die Wege weiterhin nutzen. Zäune oder feste Öffnungszeiten gibt es nicht. "Der Tod gehört zum Leben, und ein Friedhof mitten in einem Weingarten macht das auf eine sehr natürliche Weise sichtbar", erklärt Wagner. Damit Trauernde und Erholungssuchende einander nicht stören, gelten Ruhegebot und Rauchverbot. Hunde müssen an die Leine.
Eine Frage hört Wagner besonders häufig: Was passiert eigentlich mit den Weintrauben, die auf den Gräbern wachsen? Am Rauchkogel gedeihen Zweigelt, Muskateller und Riesling. Heuer fiel die Ernte bereits so reich aus, dass daraus rund 3.000 Flaschen Traubensaft entstanden.
Verkauft wird der Saft nicht: Stattdessen wird er bei Veranstaltungen ausgeschenkt oder auf Wunsch an Angehörige verschenkt. "Für viele ist das ein sehr schönes Angebot: etwas mit nach Hause zu nehmen, das an dem Ort gewachsen ist, an dem ein geliebter Mensch ruht", erzählt Wagner. Bis aus den Trauben wieder hochwertiger Wein entstehen könnte, dürften noch zwei bis drei Jahre vergehen.