Schock statt Sonnenliegen

"Dark Tourism" – warum Urlauber jetzt das Grauen suchen

Nicht jeder Urlaub führt an einen Sehnsuchtsort: Manche reisen ganz bewusst dorthin, wo sich die dunkelsten Kapitel der Geschichte abgespielt haben.
02.11.2026, 16:32
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Sonne tanken, am Pool entspannen und die schönsten Sehenswürdigkeiten fotografieren? Für immer mehr Reisende darf es im Urlaub auch etwas düsterer zugehen. Statt traumhafter Strände stehen plötzlich verlassene Gefängnisse, geheimnisvolle Katakomben und Schauplätze grausamer Verbrechen auf dem Programm. Was zunächst makaber klingt, hat längst einen Namen: "Dark Tourism".

Gänsehaut-Erlebnis statt Wellness-Urlaub

Stell dir vor, du schlenderst über Hamburgs berühmte Reeperbahn. Zwischen bunten Leuchtreklamen, legendären Kneipen und feiernden Menschen vermutet man vor allem eines: ausgelassenes Nachtleben. Doch hinter der schillernden Fassade des Kiezes verbirgt sich eine Vergangenheit, die selbst eingefleischten True-Crime-Fans einen Schauer über den Rücken jagt.

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Solche Geschichten erzählt Kiez-Guide Sarah, die das Reisemagazin "Merian" bei einer ihrer Touren begleitet hat. Statt zu klassischen Sehenswürdigkeiten führt sie ihre Gäste an Schauplätze früherer Verbrechen: "St. Pauli ist kein gewöhnliches Viertel. Kriminalität hat hier, auch wegen der Nähe zum Hafen, schon immer eine Rolle gespielt", erklärt sie gegenüber "Merian".

Vor der legendären Boxkneipe "Zur Ritze" erzählt sie von rivalisierenden Zuhälterbanden und der Unterwelt der 1980er-Jahre. Nur wenige Schritte entfernt liegt die Kneipe "Zum Goldenen Handschuh", die durch den Serienmörder Fritz Honka traurige Berühmtheit erlangte. "Manche Fälle sind den Teilnehmern schon bekannt, andere hingegen schockieren auch die Hartgesottenen", erzählt Sarah. Laut "Merian" sind die Krimitouren auf St. Pauli mittlerweile sogar gefragter als die klassischen Rundgänge.

Was steckt hinter dem Gruseltrend?

"Dark Tourism" bedeutet übersetzt "dunkler Tourismus"; gemeint sind dabei Reisen zu Orten, die mit Verbrechen, Tod, Katastrophen oder menschlichem Leid verbunden sind. Das Spektrum reicht von ehemaligen Gefängnissen über historische Schlachtfelder bis hin zu Gedenkstätten. Auch Geisterwanderungen, Lost Places und True-Crime-Touren werden häufig dazugezählt.

Diese Reiseziele sorgen für Gänsehaut

1
Hamburg, Deutschland
Auf St. Pauli führen Krimitouren durch die dunkle Vergangenheit des berühmten Vergnügungsviertels. Hier treffen schillerndes Nachtleben und wahre Verbrechensgeschichten aufeinander.
2
Paris, Frankreich
Tief unter der Stadt erstrecken sich die berühmten Katakomben. In dem unterirdischen Beinhaus ruhen die Gebeine von Millionen Menschen – ein beklemmender Kontrast zur romantischen Stadt der Liebe.
3
San Francisco, USA
Auf einer Insel in der Bucht liegt das ehemalige Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz. Heute können Besucher durch die Zellentrakte gehen und erfahren, wie das Leben hinter den Mauern aussah.
4
Belchite, Spanien
Verfallene Kirchen und zerstörte Häuser erinnern an den Spanischen Bürgerkrieg. Der alte Ort blieb als Ruinenlandschaft erhalten und kann bei Führungen erkundet werden.
5
Hiroshima, Japan
Das Friedensmuseum und der Atombombendom erinnern an die verheerenden Folgen des Atombombenabwurfs von 1945. Hier geht es nicht um Nervenkitzel, sondern um Erinnerung und Mahnung.
6
Srebrenica, Bosnien-Herzegowina
Die Gedenkstätte erinnert an den Völkermord von 1995, bei dem mehr als 8.000 bosniakische Männer und Buben ermordet wurden.

Warum fasziniert uns das Grauen?

Ob True-Crime-Podcast, Krimiserie oder düstere Stadtführung: Wahre Verbrechen und ungelöste Rätsel üben auf viele Menschen eine besondere Faszination aus. Auf Reisen kommt etwas Entscheidendes hinzu: Plötzlich steht man selbst an jenen Orten, über die man bisher nur gelesen oder gehört hat. Geschichte wird greifbar und hinter den Erzählungen werden echte menschliche Schicksale sichtbar.

Doch nicht alle Schauplätze lassen sich miteinander vergleichen: Eine unterhaltsame Geistertour ist etwas völlig anderes als der Besuch einer Gedenkstätte für Opfer von Krieg und Gewalt.

So faszinierend "Dark Tourism" sein kann, so wichtig ist ein respektvoller Umgang mit den Schauplätzen: Wer an Orten menschlichen Leids für lustige Selfies posiert oder Verbrechen zum bloßen Spektakel macht, überschreitet eine Grenze.

red, 02.11.2026, 16:32
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