Sonne tanken, am Pool entspannen und die schönsten Sehenswürdigkeiten fotografieren? Für immer mehr Reisende darf es im Urlaub auch etwas düsterer zugehen. Statt traumhafter Strände stehen plötzlich verlassene Gefängnisse, geheimnisvolle Katakomben und Schauplätze grausamer Verbrechen auf dem Programm. Was zunächst makaber klingt, hat längst einen Namen: "Dark Tourism".
Stell dir vor, du schlenderst über Hamburgs berühmte Reeperbahn. Zwischen bunten Leuchtreklamen, legendären Kneipen und feiernden Menschen vermutet man vor allem eines: ausgelassenes Nachtleben. Doch hinter der schillernden Fassade des Kiezes verbirgt sich eine Vergangenheit, die selbst eingefleischten True-Crime-Fans einen Schauer über den Rücken jagt.
Solche Geschichten erzählt Kiez-Guide Sarah, die das Reisemagazin "Merian" bei einer ihrer Touren begleitet hat. Statt zu klassischen Sehenswürdigkeiten führt sie ihre Gäste an Schauplätze früherer Verbrechen: "St. Pauli ist kein gewöhnliches Viertel. Kriminalität hat hier, auch wegen der Nähe zum Hafen, schon immer eine Rolle gespielt", erklärt sie gegenüber "Merian".
Vor der legendären Boxkneipe "Zur Ritze" erzählt sie von rivalisierenden Zuhälterbanden und der Unterwelt der 1980er-Jahre. Nur wenige Schritte entfernt liegt die Kneipe "Zum Goldenen Handschuh", die durch den Serienmörder Fritz Honka traurige Berühmtheit erlangte. "Manche Fälle sind den Teilnehmern schon bekannt, andere hingegen schockieren auch die Hartgesottenen", erzählt Sarah. Laut "Merian" sind die Krimitouren auf St. Pauli mittlerweile sogar gefragter als die klassischen Rundgänge.
Was steckt hinter dem Gruseltrend?
"Dark Tourism" bedeutet übersetzt "dunkler Tourismus"; gemeint sind dabei Reisen zu Orten, die mit Verbrechen, Tod, Katastrophen oder menschlichem Leid verbunden sind. Das Spektrum reicht von ehemaligen Gefängnissen über historische Schlachtfelder bis hin zu Gedenkstätten. Auch Geisterwanderungen, Lost Places und True-Crime-Touren werden häufig dazugezählt.
Ob True-Crime-Podcast, Krimiserie oder düstere Stadtführung: Wahre Verbrechen und ungelöste Rätsel üben auf viele Menschen eine besondere Faszination aus. Auf Reisen kommt etwas Entscheidendes hinzu: Plötzlich steht man selbst an jenen Orten, über die man bisher nur gelesen oder gehört hat. Geschichte wird greifbar und hinter den Erzählungen werden echte menschliche Schicksale sichtbar.
Doch nicht alle Schauplätze lassen sich miteinander vergleichen: Eine unterhaltsame Geistertour ist etwas völlig anderes als der Besuch einer Gedenkstätte für Opfer von Krieg und Gewalt.
So faszinierend "Dark Tourism" sein kann, so wichtig ist ein respektvoller Umgang mit den Schauplätzen: Wer an Orten menschlichen Leids für lustige Selfies posiert oder Verbrechen zum bloßen Spektakel macht, überschreitet eine Grenze.