Die Opfer würden teils mit Alkohol, teils mit Druck dazu gebracht, einen Armeevertrag zu unterschreiben. Das berichtet das norwegisch-russische Portal "Barents Observer" unter Berufung auf zahlreiche Familien und lokale Quellen.
Ein besonders drastischer Fall: Ein Mann besucht einen Freund im Nachbardorf. Die beiden gehen vor die Tür, um zu rauchen. Plötzlich hält ein Militärfahrzeug, die Männer bekommen Alkohol angeboten. Stunden später sind sie laut Bericht bereits am Weg zu einem Sammelpunkt in der Regionalhauptstadt.
Als die Ehefrau ihren Mann am Abend anruft, ist er schwer betrunken. Einen Monat nach der Vertragsunterzeichnung gilt er an der Front in der Ukraine als vermisst. Seine Frau ist überzeugt, dass er tot ist. In der Armee war er nie – aus gesundheitlichen Gründen. Am Krieg wollte er nach Angaben der Familie nie teilnehmen.
Auch aus Karelien wird ein ähnlicher Fall geschildert. Eine Frau schreibt im sozialen Netzwerk VKontakte, ihr Vater sei unter einem Vorwand abgeholt worden. Angeblich sollte er nur mit der Polizei sprechen. Tage später findet ihn die Familie auf dem Weg zu einer Militäreinheit in der Region Leningrad.
Nach Informationen des "Barents Observer" war der Mann zum Zeitpunkt seines Verschwindens betrunken. Das bestätigen seine Ehefrau und Nachbarn. Sein Handy ließ er zu Hause, mitgenommen hatte er nur seinen Reisepass.
In gleich mehreren vergleichbaren Fällen sollen Männer mit chronischem Alkoholproblem rekrutiert worden sein. Besonders brisant: Rettungssanitäter einer nordrussischen Stadt berichten, dass sie regelmäßig Männer vom Sammelpunkt ins Krankenhaus bringen müssen – mit teils lebensgefährlichen Entzugserscheinungen. Diese treten auf, wenn langjähriger Alkoholkonsum abrupt beendet wird.
Bald jährt sich Putins großangelegter Angriff auf die Ukraine zum fünften Mal. Mindestens 177.433 Russen sind bereits im Fleischwolf der Ukraine-Front getötet worden. Das ist durch unabhängige Zählung von "Mediazona" bekannt. Der Kreml selbst veröffentlicht keine Zahlen zu den eigenen Verlusten, das ist ein Staatsgeheimnis.
Das russische Militär steht jedoch offenbar unter massivem Druck, neue Soldaten zu finden. Behörden zahlen inzwischen auch den Rekrutierern hohe Prämien für erfolgreiche "Anwerbungen". Laut Recherchen des unabhängigen Mediums "istories" kann die Belohnung bis zu 500.000 Rubel pro Kopf betragen. Mindestens zwei Milliarden Rubel sollen dafür schon ausgegeben worden sein – allerdings hat nur ein kleiner Teil der Regionen Russlands diese Ausgaben auch öffentlich vermeldet.
Und: Auch Polizisten kassieren kräftig ab. Sie erhalten bis zu 100.000 Rubel, wenn sie mutmaßliche Straftäter zum Kriegsdienst überreden. "Wir schreiben nun vor, dass ein Verdächtiger vor seiner ersten Vernehmung über seine Rechte aufgeklärt wird und er einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium abschließen kann. Dieses Gespräch ist obligatorisch", erklärte ein Polizeibeamter aus Krasnodar gegenüber der Zeitung "Verstka".
Während dieses "Gesprächs" wird dem Festgenommenen nicht nur Straffreiheit versprochen, sondern auch Millionen Rubel, ein Gehalt von über 200.000 Rubel, Familienleistungen und kostenlose Schulbildung für seine Kinder. "Dann halten wir beim ersten Verhör fest, ob er zustimmt oder nicht. Für dieses Thema haben wir spezielle Betreuer, die aus der Hauptermittlungsdirektion kommen."
Für manche der Exekutivbeamten ist es "schmutziges Geld", andere putzen sich ab: "Das sind wirklich Männer in einer verzweifelten Lage. Sie wären sowieso innerhalb eines Jahres gestorben", so ein Bezirkspolizist aus Kaluga.
Dazu habe es auch einen Befehl des stellvertretenden Bezirkspolizeichefs gegeben: "Asoziale Elemente" sollen zum Armeedienst motiviert werden. "Wir nutzen das als Mittel, um unangenehme Elemente loszuwerden, die unsere Statistik verfälschen", schildert der Beamte.