Großeltern sind für viele Familien Gold wert: Sie bringen häufig Leichtigkeit in den stressigen Alltag, packen dort an, wo sie gebraucht werden, und ermöglichen den Eltern gelegentlich eine wohlverdiente Auszeit von Windeln, Fläschchen und Tränen. Entsteht dann noch eine tiefe Bindung zwischen den Generationen, passiert etwas ganz Besonderes. Auch wenn alle Familienmitglieder von einem guten Verhältnis profitieren, braucht es klare Grenzen: Unterschiedliche Meinungen zu Familienbetten, bedürfnisorientierter Erziehung, zuckerfreier Ernährung oder Langzeitstillen führen nicht selten zu Spannungen innerhalb der Familie.
"Themen wie Schlafenszeiten, Süßigkeiten, Screentime oder Geschenke – also etwa, wie viel Großeltern schenken dürfen – bergen Konfliktpotenzial", verrät Tamara Berke, psychologische Familienberaterin in Zürich, gegenüber "20 Minuten". Umgekehrt komme es ebenso vor, dass Oma und Opa die Eltern als zu tolerant oder gar fahrlässig einschätzen.
Aus Berkes Sicht sollten sich Großeltern konsequent an die Erziehungsregeln und -werte der Eltern halten. Dies sei auch wichtig für die Kinder: "Gerade bei jüngeren Kindern sollten feste Rituale wie Schlafenszeiten beibehalten werden", so die Beraterin. Das gebe den Kleinen Orientierung und ermögliche ihnen, sich besser in der Welt zurechtzufinden.
Viele Mütter und Väter der heutigen Generation reagieren allergisch auf Kommentare zum Körper ihrer Kinder. Millennial-Eltern haben in den frühen 2000ern selbst erlebt, was es mit einem macht, wenn Dünnsein glorifiziert wird – nicht selten durch die eigenen Erziehungsberechtigten. Entsprechend gehen bei Sätzen wie "Muss das zweite Kuchenstück nun wirklich sein?" oder "Da ist aber ein neues Speckröllchen hinzugekommen" die Alarmglocken an. Auch wenn die Worte gut gemeint sind.
"Kommentare zum Körper sind heikel und können schwerwiegende Folgen mit sich bringen", bestätigt Berke. "Da würde ich klar kommunizieren, dass so etwas nicht toleriert wird." Eltern seien heutzutage sehr gut informiert – ob bei Body Shaming oder Mediennutzung. "Pro Juventute bietet Infoabende an und auch an Schulen gibt es ein gutes Angebot. Zu solchen Anlässen könnte man Oma und Opa einfach mal mitnehmen."
"Leg das Kind doch einfach ins Bett, es wird schon lernen, eigenständig einzuschlafen" oder "Früher haben wir bei solch einem inakzeptablen Verhalten anders reagiert" – Sätze wie diese brechen das moderne Elternherz. Trotzdem bekommt man sie bei Gelegenheit von der einen oder anderen Oma oder dem einen oder anderen Opa zu hören.
Tamara Berke ordnet ein: "Zuerst sollte man sich in die Lage der älteren Generation hineinversetzen. Schließlich waren die Umstände früher nun mal andere, hinzu kommen eventuell kulturelle Unterschiede." Ein Ansatz ist laut Expertin: "Zuhören und sich immer wieder bewusst machen, dass die Ratschläge meist gut gemeint sind." Vorsicht sei jedoch angebracht, wenn Eltern ein ungutes Gefühl bekommen oder merken, dass solche Situationen zu Distanz führen. "Dann muss ein klärendes Gespräch gesucht werden."
Wie führt man solch ein Gespräch?
Kommt es zum Konflikt, sollte man diesen laut der psychologischen Familienberaterin direkt ansprechen: "Erfahrungsgemäss sollte dies das Kind der Grosseltern machen. Grundsätzlich sollte ein Konflikt ruhig und nicht emotionsgeladen angesprochen werden. Ich rate zur gewaltfreien Kommunikation. Das bedeutet, dass man sich nicht gegenseitig mit Vorwürfen konfrontiert, sondern anspricht, was man sich für die Zukunft wünscht."
"Sag mal, streitet sich Mama eigentlich oft mit Papa?" Wer die Enkelkinder über seine Kinder ausfragt, löst mehr aus, als er oder sie denkt. "Die Instrumentalisierung von Kindern kommt immer wieder vor. Insbesondere in Familien mit getrennten Eltern", sagt Berke. Damit ist gemeint, dass etwa die Eltern des Vaters vor dem Enkelkind schlecht über die Mutter sprechen. Solche Situationen setzen Kinder massiv unter Druck, zwingen sie dazu, sich für einen Elternteil zu entscheiden, und können die familiäre Beziehung nachhaltig schädigen.
Eine Untersuchung aus Neuseeland hat herausgefunden, dass Oma und Opa konstant zwischen Gedanken wie "Ich möchte für mein Kind und Enkelkind da sein" und "Da muss ich mich jetzt einmischen" hin- und herpendeln. Ob ein ungefragter Ratschlag oder Kritik an der Erziehung – derartiges Eingreifen wird von den Eltern häufig als störend empfunden und kann in härteren Fällen laut einer anderen Studie sogar zum Kontaktabbruch führen.