Ein russischer Drohnenangriff auf einen Zug nahe der polnischen Grenze sorgt für neue Alarmstimmung. Der Personenzug war von Kyjiw nach Warschau unterwegs, getroffen wurde er laut Ausgangstext bei Jahodyn – nur rund zwei Kilometer vor Polen.
Für Oberst Markus Reisner ist der Angriff mehr als eine militärische Attacke. Im Gespräch mit ntv.de sagte er, Russland sende damit ein Signal an westliche Unterstützer der Ukraine.
In der Nähe des angegriffenen Zuges sollen sich weitere Züge mit Vertretern westlicher Staaten befunden haben. Genannt werden unter anderem der britische Ex-Premier Boris Johnson und Günter Sautter, sicherheitspolitischer Berater von Bundeskanzler Friedrich Merz.
Reisners Einschätzung fällt deutlich aus: Die russische Angriffsfähigkeit reiche bis unmittelbar an die polnische Grenze. Die Botschaft des Kremls laute: "Wir können euch jederzeit treffen." Gleichzeitig habe Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erneut betont, dass europäische Soldaten in der Ukraine für Russland ein Kriegsgrund wären.
Der Angriff zeigt laut Reisner auch, wie weit russische Drohnen inzwischen in die Ukraine vordringen können. Gesteuert würden sie demnach über Funkbaken beziehungsweise Relaisstationen im Grenzgebiet zwischen Belarus und Polen. So könnten sie von Funkradius zu Funkradius weitergeleitet werden.
Besonders gefährlich seien neuere Modelle mit Wärmebildkameras. Verdunkelte Fenster oder ausgeschaltete Handys würden gegen diese Technik wenig helfen. Eine Lokomotive bleibe eine große Wärmequelle – und könne aus mehreren Kilometern Entfernung erkannt werden.
Reisner beschreibt zudem eine weitere Entwicklung: Russische Drohnen könnten so programmiert werden, dass sie sich ins ukrainische Handynetz einwählen. Damit blieben sie auch dann steuerbar, wenn klassische Navigation gestört werde.
Die Ukraine hat dennoch Abwehrmöglichkeiten. Genannt werden Abfangdrohnen, Maschinengewehre aus Flugzeugen sowie der deutsche Flakpanzer Gepard. Eine zusätzliche Flugabwehr direkt auf Zügen wäre laut Reisner zwar denkbar, aber schwierig – auch wegen elektrifizierter Strecken und Oberleitungen.
Während der Drohnenkrieg näher an die NATO-Grenze rückt, stockt Russland an anderer Stelle. Bei Lyman im nördlichen Donbass sei eine geplante Zangenbewegung von Putins Soldaten laut Reisners Analyse zum Erliegen gekommen. Russische Militärblogger sprechen sogar von einer "vernichtenden Niederlage".
Reisner selbst bewertet diese Formulierung zurückhaltender. Eine solche Niederlage würde aus seiner Sicht den Zusammenbruch der Front bedeuten. Davon sei man entfernt – die Front halte weiter. Russland habe im Norden aber nicht erreicht, was geplant war.
Der Grund liegt laut Reisner im Gelände. Flüsse, Schluchten und bewaldete Höhen erschweren russische Angriffe rund um Lyman. Besonders die Höhen westlich des Nitrius seien entscheidend. Dort hätten ukrainische Kräfte die russischen Truppen am weiteren Vorrücken gehindert.
Damit ist die nördliche Seite der russischen Zange gebremst. Im Süden läuft der Druck auf Kostjantyniwka weiter, im Norden aber fehlt der Durchbruch Richtung Slowjansk. Reisners Fazit: "Somit funktioniert die operative Idee der Russen im Moment nicht mehr."