Wer eine G-Klasse nur aus der Wiener Innenstadt kennt, hat vermutlich noch nicht verstanden, was in dem kantigen Mercedes wirklich steckt. Im G-Class Experience Center nahe dem Flughafen Graz wird die Luxus-G-Klasse zum echten Geländegerät.
Auf mehr als 100.000 Quadratmetern stehen unterschiedliche Offroad- und Onroad-Module bereit. Darunter extreme Schrägfahrten, Verwindungspassagen und Steigungen.
Das Gelände wurde speziell für die G-Klasse gebaut. Die Zahlen sind entsprechend beeindruckend: Bis zu 35 Grad Schräglage, rund 250 Millimeter Bodenfreiheit und Steigungen von bis zu 100 Prozent sind möglich.
Auf dem Gelände befinden sich unter anderem der "G Rock" und der "Iron Schöckl". In der "G Base" können Besucher außerdem die Geschichte des Geländewagens erleben. Ein besonderes Ausstellungsstück ist der Amber Cube – eine G-Klasse aus dem Jahr 1979, die von einer riesigen Kunstharzinstallation umschlossen wird. Jurassic Park lässt an dieser Stelle Grüßen.
Im Test ging es zunächst mit dem G 450d ins Gelände. Der Reihensechszylinder wird von einem Mild-Hybrid-System unterstützt und kommt auf 367 PS.
Besonders beeindruckend ist aber das Drehmoment. Insgesamt stehen bis zu 950 Nm zur Verfügung. Die Kraft des Biturbo-Diesels lässt sich im Gelände erstaunlich fein dosieren.
Mit dem Offroad-Paket wird die G-Klasse zusätzlich für harte Einsätze ausgerüstet. Speziell entwickelte Reifen, Gitterschutz für die Scheinwerfer und ein robuster Dachaufbau samt Leiter gehören dazu.
Gerade bei langsamen Passagen zeigt sich die Stärke des Diesel-Antriebs: Das Drehmoment liegt früh an und bringt die G-Klasse kontrolliert über Hindernisse, ohne dass ständig mit dem Gas gespielt werden muss.
Danach wird es deutlich lauter. Der Mercedes-AMG G 63 darf zeigen, dass die G-Klasse nicht nur im Schlamm funktioniert. Auf dem Onroad-Parcours warten Slalom, Ausweichmanöver und eine bewässerte Schleuderplatte. Und natürlich der V8-Sound.
Der 4,0-Liter-V8 wird ebenfalls von einem Mild-Hybrid-System unterstützt. Der kleine Elektromotor liefert zusätzliche 20 PS und 200 Nm. In Summe stehen 605 PS und 1.050 Nm bereit. Damit beschleunigt der G 63 in nur 4,4 Sekunden auf 100 km/h. Bei 240 km/h wird elektronisch abgeregelt. Der Motor könnte deutlich mehr.
Erstaunlich ist dabei, wie stabil sich der schwere Geländewagen auf dem Asphalt bewegen lässt. Die AMG Active Ride Control mit aktiver Wankstabilisierung hält die Karosserie auch bei schnellen Richtungswechseln erstaunlich ruhig. Der "rollende Kühlschrank" kann also tatsächlich auch "sportlich" sein für seine Ausmaße.
Zum Schluss folgt der vielleicht spannendste Kandidat: der G 580 mit EQ Technologie. Eingefleischten Offroadern stellen spätestens hier wahrscheinlich die Nackenhaare auf. Doch wo G draufsteht, ist auch G drinnen - so zumindest das Versprechen von Mercedes.
Statt klassischer mechanischer Differenzialsperren arbeitet die Elektro-G-Klasse mit vier Elektromotoren und einer Geländeuntersetzung. Jedes Rad kann dadurch individuell angesteuert werden.
Das macht sich gerade im Gelände bemerkbar. Die Kraft kann sehr präzise verteilt werden, wodurch schwierige Passagen teilweise einfacher wirken als mit einem konventionellen Antrieb. Jedenfalls muss man als Fahrer auf weniger Sachen achten.
Die vier Motoren leisten gemeinsam 587 PS und 1.164 Nm. Unter dem Fahrzeugboden sitzt eine Batterie mit 116 kWh netto beziehungsweise 124 kWh brutto. Die WLTP-Reichweite beträgt bis zu 479 Kilometer. Geladen wird mit bis zu 200 kW, von zehn auf 80 Prozent geht es laut Mercedes in etwa 29 bis 32 Minuten.
Trotz des hohen Gewichts von rund 3.085 Kilogramm geht es auch beim Elektro-G 580 ordentlich vorwärts: 0 auf 100 km/h dauert 4,7 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit ist bei 180 km/h elektronisch begrenzt.
Der direkte Vergleich zeigt: G 450d, G 63 und G 580 können dasselbe Gelände bewältigen, fühlen sich dabei aber völlig unterschiedlich an.
Der Diesel wirkt im Gelände besonders kontrollierbar und souverän. Der G 63 macht vor allem auf der Straße Spaß und liefert den emotionalsten Auftritt – V8 ist eben V8. Der G 580 wiederum zeigt, wie gut sich elektrische Antriebe für extremes Gelände eignen können. Und dann ist da noch die Fertigung.
Bei einer Werksbesichtigung in Graz wurde schnell klar, warum die G-Klasse kein gewöhnliches Großserienauto ist. Alle G-Klassen für den Weltmarkt werden dort gefertigt und vieles passiert noch in Handarbeit. Für den Bau einer G-Klasse wird laut Mercedes ungefähr doppelt so viel Arbeitszeit wie für eine moderne S-Klasse benötigt.
Das erklärt zumindest teilweise, warum der kantige Geländewagen preislich in einer ganz anderen Liga spielt.
Denn die G-Klasse ist längst nicht mehr nur ein Arbeitstier für Förster, Jäger oder Extrem-Offroader. Sie verbindet Hardcore-Geländetechnik mit Luxus, Leistung und mittlerweile sogar Elektroantrieb.
Spätestens nach einem Tag im Experience Center versteht man, warum die G-Klasse seit Jahrzehnten eine solche Faszination ausübt. Das Traurigste an der ganzen Geschichte ist allerdings, dass sich die wenigsten diesen Luxus tatsächlich werden leisten können. Unendlich Schade.